Beginnen wir mit dem Positiven. Der erste „Dreier“, wie Jürgen Klinsmann zu sagen pflegt, sprich: der erste Sieg dieser Weltmeisterschaft im eigenen Land ist "eingefahren". Ernsthaft in Gefahr war dieser Sieg nicht. Betrachtet man den gesamten Spielverlauf, so hatte die Deutschen Mannschaft mehr Ballkontakte, mehr Chancen, insgesamt mehr Spielanteile, kurz: sie war haushoch überlegen. Bleiben wir noch ein wenig beim Positiven: es wurde schnell nach vorne gespielt, die Chancen wurden herausgespielt und nicht durch die sogenannten Standards erzwungen und: der Ausfall von Ballack fiel nicht dramatisch ins Gewicht.

Soweit das Positive. Kommen wir zum Überraschenden: Überraschend war es, nach dem Spiel vom Bundestrainer zu vernehmen, dass er sich tatsächlich über den Wunsch seines Kapitäns Michael Ballack hinweggesetzt und ihn nicht nominiert hatte. Die viel besungene „medizinische Abteilung“ habe auf „Restrisiken“ hingewiesen. Man habe Verantwortung, auch für die Gesundheit der Spieler, erläuterte Klinsmann. Dass Ballack habe spielen wollen, begrüßte er („ich hoffe, alle Spieler wollen spielen“), machte jedoch klar: „Die Entscheidung trifft der Trainer“. Der Konflikt zwischen Trainer und Kapitän: Keine Erfindung des Boulevard, sondern eine Realität.

Überraschen musste dann auch, dass Philipp Lahm nicht nur als Torschütze und Vorbereiter glänzte, sondern insgesamt der beweglichste, läuferisch stärkste und präsenteste Spieler im deutschen Team war. Das konnte nach der Ellenbogenverletzung, die ihn immer noch zum Tragen einer Schiene zwingt, wirklich niemand erwarten. Bleiben wir beim Überraschenden: obwohl die Abwehr mit ihren zentralen Figuren Per Mertesacker und Christoph Metzelder deutlich besser harmonierte, ließ sie sich bei den beiden Gegentoren fast nach Belieben ausspielen. Beide Male fiel das Tor aus abseitsverdächtiger Position, beide Male war der Berliner Arne Friedrich derjenige, der das Abseits durch seine verspätete Reaktion aufhob. Man wagt gar nicht daran zu denken, was geschieht, wenn Mannschaften mit mehr als einem Stürmer auflaufen, wenn Mannschaften mehr als einen Spieler internationalen Formats haben, mehr als einen Paolo Wanchope, der es auch jenseits seiner beiden Tore schaffte, im deutschen Strafraum ein ums andere Mal Angst und Schrecken zu verbreiten. Wanchope, das sei hinzugefügt, hat die 30 schon weit hinter sich gelassen, war Jürgen Klinsmann bereits als Spieler begegnet und würde gewiss nicht widersprechen, attestierte man ihm eine solide, aber keineswegs überragende Leistung.

Kommen wir vom Überraschenden zum sehr nachdenklich stimmenden: irgendwie kam man sich vor, wie vor etwa einem Jahr, im Frühsommer 2005, als Klinsmanns Truppe im Confederations-Cup die Australier niederrang. Damals ging das Ganze noch knapper aus, 4:3 nämlich, aber die Struktur des Spiels war eine ähnliche. Mit jedem Pass, den der Gegner steil in die deutschen Hälfte schickte, hielten die Beobachter den Atem an. Klinsmann sagte danach: es sei abgesprochen gewesen, dass die Deckung sich eher tiefer habe staffeln – „und nicht auf einer Linie“ stehen sollen. Da gäbe es noch „was zu üben“. Das stimmt. Viel scheint sich nicht getan zu haben seit jener Sturm-und-Drang-Periode vor einem Jahr. Der Wirbel-Sturm, angetrieben von Bastian Schweinsteiger und – über rechts – von Ersatz-Kapitän Bernd Schneider, überspielte die Unsicherheiten im Defensifverband immer wieder. Zum Schluss gar hätte das Resultat durchaus noch komfortabler ausfallen können. Auch das erinnert an die Confed-Cup-Euphorie. Und nun?

Bei der WM gilt es. Der 9. Juni als d-day. Das war die Losung von Jürgen Klinsmann damals. Das ist sie auch jetzt. Klinsmann, dem man die Anspannung nach dem Spiel deutlich anmerkte, wird wissen, dass die „Großen“ es seinem Team nicht noch einmal so leicht machen werden, wie vor einem Jahr. Man müsse der Mannschaft Zeit geben, zu reifen, am 9. Juni erst werde sich das wahre Gesicht zeigen können. Dies hat Klinsmann über die letzten zwei Jahre gepredigt. Ob sie wirklich gereift ist, darüber darf auch nach dem 9. Juni, jedenfalls nach diesem Spiel gegen Costa Rica, noch trefflich spekuliert werden.

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