Wie heißt doch gleich dieses vergurkte WM-Lied von Herbert Grönemeyer? "Zeit, dass sich nichts mehr dreht" oder so ähnlich. Eben. Deshalb muss ein Aspirin sein. Das waren die ersten Gedanken an meinem WM-Tag nach dem Eröffnungsspiel: Langsam, ganz langsam hoch kommen, viele Querpässe spielen, keine Sprints, bloß nicht steil gehen, bis die Tablette wirkt und der Kaffee anfängt, den Kreislauf zu stabilisieren.

Draußen im Garten liegen verkrümelte Brezeln im Gras, Gläser, Aschenbecher. Wir haben gestern Abend eine WM-Eröffnungsparty gefeiert. An der Garagenwand steht ein 30-Liter-Aluminium-Fass Bier, das sich heute morgen so federleicht anfühlt wie Philipp Lahm bei seinen Dribblings an der linken Außenlinie. Aus der Zapfanlage spritzt nur noch Schaum und Luft. Das Fass ist leer. Aber über dem Rasen schwebt immer noch diese positive Stimmung, die der deutsche Auftaktsieg hinterlassen hat. Für den Anfang war das gar nicht schlecht. Und wie die deutsche Hintermannschaft irgendwann gegen Schweden, Argentinien oder Holland bestehen soll, muss einen an diesem Sommermorgen nicht grämen.

Ich glaube, es war noch nie so leicht, Gäste in Hochstimmung auf ein Fest zu bekommen. Das große WM–Georgel auf allen Kanälen ist an keinem spurlos vorübergegangen. Im Grunde war am Tag der Tage jeder glücklich, dass er die Fußballbescherung nicht zu Hause und womöglich alleine begehen musste. Unsere Freundin Uli, als Fußballfan sonst eher unauffällig, hat jedenfalls grasgrünes Marzipan angerührt, ihren Blechkuchen damit bestrichen, den Sechzehner und die Seitenauslinie mit weißem Zuckerguss darauf gemalt und selbst gebastelte deutsche Fußballnationalspieler darauf gesteckt. Die Kinder und viele Männer sind im deutschen Nationaltrikot erschienen: Das Retro-Hemd von 54 mit geschnürtem Kragen war dabei (wirkt ein bisschen altklug), das gute alte 1990er-Titel-Trikot (spannt nach 16 Jahren im Schrank etwas über dem Bauch) und natürlich das aktuelle Modell (Lieblingsname auf den Rücken ist Schweinsteiger). Mir selbst ging der ganze Fan-Utensilien-Ramsch, der einem aus allen Läden entgegen geschwappt ist, so unendlich auf die Nerven, dass ich beschlossen habe, die WM ohne jede tribalistische Erkennungszeichen zu absolvieren. Unsere Party war demonstrativ im No-Logo-Look ausgestattet. Keine einzige schwarz-rot goldene Girlande! Nirgends! Lediglich ein paar Miniwürstchen mit Pelle im Lederballdesign hatten sich auf den Büffettisch verirrt.

Zum Sonnenlicht hat der fernsehguckende Fußballfan ein zutiefst gespaltenes Verhältnis. Einerseits liebt er den unverstellten blauen Himmel über dem Kopf, weil er auch vor dem Fernseher das Gefühl haben möchte, selbst auf dem WM-Rasen zu stehen beziehungsweise zu sitzen – unser Fest hat selbstverständlich im Garten stattgefunden. Andererseits hasst er das Licht, weil das Bild dann immer so schlecht ist. Der Fan muss den schattigsten, dunkelsten, höhlenähnlichsten Fleck aufsuchen, um überhaupt etwas auf der Beamer-Großleinwand zu erkennen. Vor vier Jahren hatten wir zum WM-Endspiel Deutschland gegen Brasilien extra ein Partyzelt im Garten aufgestellt, um das Match mit Freunden anzuschauen. Aber der Zeltstoff war so hell, dass auf dem Fernseher nur graue Schemen zu erkennen waren. Wir mussten dann, eine halbe Stunde vor Anpfiff, das Zeltinnere hektisch mit Decken, Handtüchern und schwarzen Gemüsebeetfolien abdunkeln, um vom Spiel überhaupt etwas mitzukriegen. Unser Partyzelt sah am Ende aus wie die Jahrmarktshöhle einer orientalischen Wahrsagerin. Das sollte uns 2006 nicht noch einmal passieren. Deshalb haben wir im Vorfeld unserer WM-Feier jeden Abend um 18.00 den Einfallswinkel der Sonne an verschiedenen Plätzen im Garten überprüft und Probemessungen mit einem Diaprojektor durchgeführt. Als die Leinwand und der gemietete Beamer gestern pünktlich um 16.00 Uhr auf Empfang gingen, war es wieder zu hell. Wir mussten uns mit 40 Gästen hektisch in die düstere Terrassenecke flüchten. Waren die deutschen Tore nicht wunderbar? Lahm von der linken Seite, der Traumpass von Schweinsteiger, Frings mit dem platzierten Distanz-Schuss...

Als ich die Zapfanlage zurück zum Getränkemarkt gefahren habe, war das neue Must-have-Teil der Hamburger Vorortmenschen überall zu sehen – eine kleine schwarz-rot-goldene Fahne, die mit einer weißen Halterung angebracht wird. Vorgestern sind nur ein paar vereinzelte Deutschland-Bekenner damit herumgefahren, jetzt flattert die Fahne schon an jedem zweiten Wagen. Freunde haben mir erzählt, dass die Fahnen bei Karstadt neben der Kasse gleich aus den Kisten heraus verkauft wurden, so groß ist die Nachfrage. Zwischenhändler würden die Kisten komplett aufkaufen, um sie gegen Aufpreis dann am Straßenrand weiter zu verhökern. Da war mein Nachbar cleverer. Er hat schon vor zwei Wochen einen halben Kubikmeter Beton in seiner Wiese versenkt, damit sein Fünf-Meter hoher Fahnenmast ein sturmsicheres Fundament hat. Das merkwürdige ist nur: Er interessiert sich überhaupt nicht für die Fußball-Weltmeisterschaft. Morgen bricht er mit seinem Wohnwagen zu einem vierwöchigen Urlaub nach Schweden auf. Aber die gehisste deutsche Fahne wird er zurücklassen! In Deutschland wächst ein Fahnenwald, so groß und dicht, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat. Schon Adorno hat die Liebe der Deutschen zum Wald erkannt: "Das Rigide und Parallele der aufrechtstehenden Bäume, ihre Dichte und Zahl, erfüllt das Herz der Deutschen mit tiefer und geheimnisvoller Freude."