Nach einem Gipfeltreffen mit führenden Vertretern der EU in Wien bemühte sich Bush am Mittwoch, den Bedenken der Europäer entgegenzukommen, indem er seine grundsätzliche Bereitschaft unterstrich, das Lager zu schließen: "Ich verstehe die Sorgen europäischer Politiker und ich möchte das Programm gern beenden." Aber er könne keine rasche Lösung anbieten und er werde keine gefährlichen Gefangenen einfach in die Freiheit entlassen. "Einige müssen angeklagt werden, sie sind kaltblütige Killer", fügte der Präsident hinzu. Die US-Regierung warte nun die Entscheidung des Obersten Gerichtshofes der USA darüber ab, wo die Gefangenen angeklagt werden sollen.

Ähnlich hatte sich Bush bereits vergangene Woche in Washington geäußert. Die Europäische Union brachte bei dem Treffen erneut ihre Besorgnis über Guantánamo zum Ausdruck. Der österreichischen Bundeskanzler und derzeitige EU-Ratspräsident Wolfgang Schüssel mahnte auf der gemeinsamen Pressekonferenz mit Bush und EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso: "Wir können den Kampf gegen den Terrorismus nur gewinnen, wenn wir unsere eigenen Werte nicht aufgeben." Schüssel bekräftigte die Forderung, das Lager zu schließen. Allerdings dürfe Europa nicht naiv sein. Wie die USA am 11. September 2001 seien auch die Europäer von Terroristen angegriffen worden  - durch die Bombenanschläge auf Züge in Madrid und auf den Londoner Nahverkehr.

Auf dem Stützpunkt Guantánamo halten die USA seit Jahren rund 460 Menschen ohne Anklage fest, die sie als potenzielle Terroristen einstufen. Darunter ist auch der in Bremen aufgewachsene Türke Murat Kurnaz. Washington verweigert den Häftlingen den Status als Kriegsgefangene und spricht von illegalen "feindlichen Kämpfern" (enemy combatants). Die Haftbedingungen sind wiederholt von Menschenrechtsorganisationen heftig kritisiert worden, immer wieder gab es Berichte über Misshandlungen. Vor kurzem hatten sich drei Gefangene umgebracht. Danach hatten die Uno und zahlreiche Länder die Forderung nach einer Auflösung des Lagers bekräftigt.

Bush sagte, einige der Gefangenen müssten sich in den USA vor Gericht verantworten. 200 der Inhaftierten könnten möglicherweise in ihre Heimat zurückgeschickt werden. Das gestaltet sich in der Praxis allerdings schwierig. Denn mit jedem einzelnen Land, aus dem die Häftlinge kommen oder in das sie abgeschoben werden sollen, müssen Übergabevereinbarungen getroffen werden. So wollten 15 Uiguren, die in China gegen die Führung in Peking kämpfen und denen deshalb dort ebenfalls Haft droht, nicht in ihre Heimat zurück. Deutschland, das Washington angefragt hatte, wollte sie nicht aufnehmen – wohl um die Wirtschaftsbeziehungen zu China nicht zu gefährden. Am Ende wurden die Uiguren nach Albanien gebracht.