Die einjährige Bedenkzeit, die die EU sich nach den gescheiterten Verfassungsreferenden in Frankreich und den Niederlanden gesetzt hatte, ist abgelaufen, doch viel Bedenkenswertes ist nicht dabei herausgekommen. Das hat auch der jüngste EU-Gipfel erneut unter Beweis gestellt. In der deutschen Presse ist man darüber allerdings nur bedingt unglücklich.

Keine Träne etwa weint die Welt dem vorzeitig verblichenen Vertragswerk hinterher. "Ein Durchbruch in der (Verfassungs)frage ist nicht in Sicht", weiß man dort. Und findet: "Tragisch ist das nicht. Das letzte Jahr hat gezeigt, dass Europa auch ohne Verfassung leben kann." Wenn es in Europa auch jede Menge Probleme gebe, erwartet man doch nicht, dass eine Verfassung daran Wesentliches ändern würde. "Noch nie ist der Untergang eines Reiches oder Staates durch die Wiederbelebung einer Verfassung abgewendet worden", so die Welt .

Ähnlich sieht es übrigens – und das sollte die EU-Regierungschefs vielleicht in der Tat bedenklich stimmen - der Europaminister der Niederlande, Atzo Nicolai, der in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zur Feder greifen darf. Wichtiger als eine Verfassung sei, dass die EU konkrete Ergebnisse erziele. Immerhin verbindet er diese Aufforderung mit der vagen Hoffnung, dass dann auch wieder ein Klima entstehen werde, "in dem auch über Vertragsveränderungen gesprochen werden kann".

Kritischer bewertet die Frankfurter Rundschau die derzeitige Europa-Lähmung. "Notärzte und Totengräber warten am Krankenbett des Europäischen Verfassungsvertrags gemeinsam auf ein Lebenszeichen. Ein Jahr dauert nun schon, was im EU-Jargon Denkpause heißt, und weil sich der Patient immer noch nicht regt, soll er auf Empfehlung der Außenminister noch ein weiteres Jahr beobachtet werden", spottet man. Dies werde allerdings die Europamüdigkeit der meisten Bürger noch verstärken. "Beim geschätzten europäischen Publikum, für das die Farce aufgeführt wird, sinkt derweil die Spannung über den Ausgang des Experiments gegen Null", glaubt man. Mit poetischem Wortgeklingel à la "Europa hört zu" werde sich die Krise nicht bewältigen lassen. Gleichgültig könne dies jedoch niemandem sein. "Was auf dem Spiel steht, ist die Zukunft der Union", heißt es dramatisch.

Etwas weniger alarmiert zeigt sich die Süddeutsche Zeitung , obwohl auch ihr die europäische Verfassung sehr am Herzen liegt. Entgegen der damit verbundenen Ängste sei ein starkes Europa nämlich kein Agent der Globalisierung und die geplante Verfassung auch keine Bibel des Neoliberalismus. Viel mehr verhalte es sich genau andersherum: "Durch mehr europäische Zusammenarbeit lässt sich eine wirksamere Antwort auf die Internationalisierung der Märkte geben als durch die Fixierung auf Nationalstaaten, deren Bedeutung schrumpft. Gemeinsam haben die EU-Staaten mehr Macht, multinationale Konzerne zu kontrollieren".

Um dies den Bürgern stärker bewusst zu machen, sei die Strategie von EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso, der nun ein "Europa der Ergebnisse" ausgerufen hat, genau richtig, findet die Süddeutsche . Wenn Europa wirkungsvoll gegen die Preistreiberei im Mobilfunk vorgehe oder die Bürger erfolgreich vor Staubpartikeln schütze, könne dies die Menschen eher von dem Sinn der Verfassung überzeugen als eine erneute Diskussion  über deren einzelne Paragrafen. Eine schöne Idee, möchte man meinen. Doch tut Europa nicht heute schon alles mögliche Nützliche für seine Bürger, und diese danken es dennoch mit immer weiter anwachsender Gleichgültigkeit?