In der abgelaufenen Woche fand in Frankfurt der wohl bizarrste Börsengang des Jahres statt. Emittiert wurden Aktien der Prior Capital AG, einer Ein-Mann-Gesellschaft, die bisher keinen Cent Umsatz erwirtschaftet hat. Ihr künftiger Geschäftszweck soll der Erwerb von Wertpapieren und Unternehmensbeteiligungen sein. Obwohl die Firma bisher in keiner Weise gezeigt hat, dass sie von diesem Geschäft etwas versteht, waren die Aktien zwei Tage vor Ende der Zeichnungsfrist vergriffen und die angepeilten 5,2 Millionen beisammen. Der einzige Grund, die Aktien zu zeichnen, ist der Glaube an den Alleinvorstand und einzigen Beschäftigten der Gesellschaft: Egbert Prior. 

Eigentlich steht der Name Egbert Prior für zwielichtige Anlageempfehlungen und für hohe Börsenverluste. Vor dem Zusammenbruch der New Economy hatte der smarte Jungjournalist (damals 34) in der Sendung 3satBörse die Kurse relativ unbedeutender Unternehmen über Nacht in die Höhe getrieben. Hunderttausende von unbedarften Anlegern waren seinen Empfehlungen gefolgt und freuten sich über die Kursgewinne, die sie durch ihren Kauf selbst verursacht hatten. Aber nur wenigen ist es gelungen, die Aktien – unter anderem Mobilcom – zur rechten Zeit abzustoßen. Für die meisten endete das Spiel mit Riesenverlusten. Und für Prior mit einem Prozess, weil er die empfohlenen Aktien vorher selbst gekauft haben soll. Allerdings konnte ihm kein Vorsatz nachgewiesen werden.

Dass Prior dennoch genügend Aktionäre für seine ganz spezielle Ich-AG zusammenbekommen hat, verdankt er dem von ihm herausgegebenen Infodienst "Prior-Börse". Der Einfluss derartiger Börsen-Dienste am deutschen Kapitalmarkt ist recht beachtlich. Es scheint, als werde Journalisten unbedeutender Börsenbriefe manchmal mehr Vertrauen geschenkt als den hoch qualifizierten Experten der Banken. Angefangen bei der Actien-Börse des Hans A. Bernecker über den Aktionärsbrief , den Frankfurter Tagesdienst , die Zeitschrift Der Aktionär und den Schmittbrief bis hin zum Inside -Newsletter des Bäckermeisters Markus Frick. Auch der als Zinspapst bekannt gewordene Pfarrer Uwe Lang hat seinen eigenen Börsenbrief. Nicht zu vergessen der Poltergeist Bolko Hofmann, der neben seinem Effektenspiegel auch noch eine deutschnationale Partei betreibt.

Ihnen allen ist gemein, dass sie ungewöhnlich hohe Renditen in Aussicht stellen. Aber wie seriös sind solche Versprechen? Schließlich sind es oft kleine Hinterzimmerredaktionen, denen es angeblich gelingen soll, höhere Börsengewinne als Banken und Investmentfonds zu erzielen.

Zweifler haben kürzlich einen herben Rückschlag erleiden müssen. Börsenbriefe sind nämlich quasi geadelt worden, und zwar von der Deutschen Bank höchstselbst. Glaubt man einem Werbetext der Bank, dann sind Redakteure von Börsendiensten durchaus zu Unglaublichem fähig, sie schlagen sogar die hoch qualifizierten Börsenmanager ihres eigenen Konzerns. So hat der Vorzeigefonds der Deutschen-Bank-Tochter DWS, der "DWS Vermögensbildungsfonds I", in den vergangenen zehn Jahren zwar ein Plus von mehr als 300 Prozent erzielt. Doch die Redaktion der  Platow-Börse , eines Anhängsels des Informationsdienstes Platow-Brief , habe in der gleichen Zeit über tausend Prozent erwirtschaftet, schreibt die Bank selbst. Dabei hatte die DWS immer geglaubt, sie sei die Nummer 1. Muss sie sich nun ein paar Journalisten geschlagen geben?

Konsequenterweise hat die Deutsche Bank im Mai erstmals die Wertentwicklung eines Fonds und eines Zertifikates in die Hand der Redaktion der Platow-Börse gelegt. Die Platow-Redakteure sind auf Insiderinformationen aus den Top-Etagen der deutschen Wirtschaft spezialisiert und unterrichten angeblich darüber, "wessen Stuhl wackelt und bei welchem Unternehmen Feuer unter dem Dach wütet", wie es in einem für die Deutsche Bank ungewohnten Jargon heißt. Die Bank betont, dass ihre Kunden nunmehr die direkte Möglichkeit hätten, "in vollem Umfang an dem Know-how der Platow -Börsenredakteure zu partizipieren."