Es ist Abend und längst dunkel, aber es kühlt und kühlt nicht ab in Berlin. Ich komme um halb zwölf nach Hause, puh, ist es warm in der Wohnung. Ich mache die Fenster auf, und noch wärmere Luft kommt von draußen rein.
Der Redaktionsschuss: Das tägliche Tagebuch der ZEIT-Redakteure

Was für ein Tag! Was für ein schöner Tag. Was für ein verdammt schwüler, glücklich machender WM-Tag war das. Deutschland hat gegen einen zugegebenermaßen schwachen Gegner herrlich gespielt, und der Pass von Ballack zum 2:0, dieser Lupfer auf Klose, war großer Sport! Überhaupt Ballack: Zum ersten Mal seit Jahren dominiert er das Spiel seiner Mannschaft, nicht mit eigenen Toren, aber mit einer starken Abwehrleistung und Pässen, die so genau sonst nur Bernd Schneider schlagen kann.

Womit wir beim nächsten Thema wären: Bernd Schneider. Dieser Spieler ist ein kleines Wunder, er spielt offenbar nur bei Weltmeisterschaften gut, in den vier Jahren dazwischen schleppt er sich von Formkrise zu Formkrise, aber pünktlich zum Turnierstart ist er da, schlägt Pässe wie sonst nur... naja. Kein Wunder, dass sie ihn den "Brasilianer" nennen. Und Klose, dieser Klose! Er strotzt nur so von Selbstvertrauen, der holt noch Gerd Müller ein in der ewigen deutschen WM-Torjägerliste.

So was schießt mir durch den Kopf, während ich das Fenster schließe und doch noch einmal runter auf die Strasse gehe. Ein kühles Bier noch. In der Bergmannstrasse in Kreuzberg ist noch viel los, kaum Touristen, nur ein paar Deutschland-Trikots hier und da. Die meisten sind leicht verschwitzt, die Schwüle, die Aufregung, die Freude um dieses schöne Spiel der deutschen Mannschaft. Die Schande von Gijon ist ganz weit weg, es ist die Freude von Berlin, denke ich später, als in den Spätnachrichten noch einmal die Bilder vom Tag zu sehen sind.

Was für ein Sommer! Einer, der in Erinnerung bleiben wird. Werden wir am Ende doch noch Weltmeister? Und wieso, verdammt noch mal, habe ich immer noch keine Karte fürs Viertelfinale?

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