Wer ein Bild im Museum betrachtet, tut gut daran, abwechselnd nahe heran zu gehen und einige Schritte zurückzutreten. Gegenwärtig verfolgt die Weltpresse den Konflikt um das iranische Atomprogramm überwiegend aus der Nahsicht, doch an diesem Dienstag finden sich auch Hinweise auf das Ganze, aus dem sich die Details doch erst erschließen. Dieses Ganze ist der Umstand, dass zurzeit wieder einmal die international verteilten Gewichte austariert werden. Und wie so oft ist es die Energiepolitik, die – wenn auch nicht allein – im Zentrum des Geschehens steht. Die New York Times veröffentlicht einen Aufsatz des einschlägigen Experten Flynt Leverett, der den Irankonflikt als Auseinandersetzung zwischen den Vereinigten Staaten, Russland und China dechiffriert. Sie drehe sich darum, wer die Entwicklung der ungeheuren iranischen Öl- und Gasreserven dominieren wird.

Der Autor wirft der Bush-Regierung vor, eine kurzsichtige Iran-Politik zu betreiben, die es den Russen sowie den Chinesen gestattet wird, den eigentlichen strategischen Wettbewerb zu gewinnen. Den hohen Preis, um den es geht, skizziert Leverett so: Iran sitzt auf den zweitgrößten Gasreserven und den zweitgrößten Ölreserven der Welt, und das bei niedrigen Produktionsvolumina - mit anderen Worten: Hier lauert ein gigantisches Geschäft, und ebenso ein politisches Machtpotenzial; Iran dürfte, in den Worten des Autors, zur „ hydrocarbon superpower “ werden. Und das mit der größten Bevölkerungszahl (70 Millionen) des Nahen Ostens und einer geostrategischen Lage, die dem Land eine Schlüsselfunktion für die Energieversorgungswege zuweist.

Doch um seine Energieexporte auszuweiten, benötigt Iran enorme Investitionen, die indes aus eigener Kraft nicht aufgebracht werden können. Wer springt ein? Amerika, Russland, China, Europa? Das ist die Frage. Gegenwärtig blockieren die USA den Kapitalzufluss (auch den aus Europa), weshalb sich Teheran in die Arme der Russen und Chinesen werfen dürfte – letztere haben genug Kapital, und die Russen verfügen über die Technik, insbesondere für die Erschließung der Gasreserven. Daran haben die Russen auch deshalb ein Interesse, weil sie, die größten Gasexporteure, wohl etwas mehr verkauft haben als sie auf Dauer liefern können. Zusammen mit dem Iran indes würden sie, käme es zu enger Zusammenarbeit, fast die Hälfte der globalen Gasreserven kontrollieren, und im Bund mit China würde sich in der Region ein Machtkonglomerat entwickeln, das dem hegemonialen Status der Vereinigten Staaten effektvoll entgegentreten könnte.

Um das zu verhindern, empfiehlt der Autor seiner Regierung, nicht bloß Gesprächsbereitschaft zu signalisieren sondern wirklich einen „ grand bargain “ anzustreben, der dem Iran Sicherheit und Anerkennung bietet, wirtschaftliche Zusammenarbeit und mit alledem ein starkes Motiv, den militärischen Aspekt der Kernenergie außer Acht zu lassen.

Doch während in der amerikanischen Öffentlichkeit besorgt registriert wird, dass sich die asiatische Shanghai-Organisation (in der außer Russland und China auch Usbekistan, Kasachstan, Kirgisien und Tadschikistan Mitglied sind) und der Iran jüngst einander annäherten, erscheint an diesem Dienstag ein Leitartikel in der Japan Times , der Entwarnung gibt. Die „Shanghai Cooperation Organization“ (SCO), wiewohl immer wieder gegen den amerikanischen Einfluss in Zentralasien polemisierend, sei noch eine junge Vereinigung mit unklarer Zukunft, und sie könne durchaus zu einem unterstützenswerten Stabilitätsfaktor in der Region werden, der Kooperation, Sicherheit und Wachstum fördere. Die Rede, die Irans Präsident Ahmadineschad auf der jüngsten SCO-Tagung gehalten hat und die so verstanden werden könne, dass er einen antiamerikanischen Block energieexportierender Staaten anvisiere, sei sofort mit der Bemerkung quittiert worden, man strebe Stabilität und nicht Konflikt an.

Der japanische Kommentator fügt an, die SCO eigne sich ohnehin nicht als weltpolitischer Machtfaktor, weil die strategischen Differenzen zwischen ihren beiden wichtigsten Mitgliedern China und Russland allenthalben hervorbrächen. Und wieder ein Blick auf den energiepolitischen Kern der Sache: „Russland will die Energieversorgung so weit wie möglich kontrollieren, während China besseren Zugang zu Ressourcen anstrebt“ – ein Widerspruch übrigens, der in den eingangs zitierten Überlegungen aus der New York Times übersehen wird.

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