Manchmal träume ich nachts, dass ich eine CD vergessen habe. Die eine, die entscheidende CD, für die ich einen großen Teil der Sendung vorgesehen hatte. Oder ich finde im Traum mein Manuskript nicht. Oder die Geräte sind nicht verkabelt und ich stöpsle verzweifelt, während die Sendung bereits läuft: schon seit zehn Sekunden, einer Minute, zwei Minuten. Niemand kann sich vorstellen, wie lang zehn Sekunden sind, wenn man auf Sendung ist, der orangefarbene on air button leuchtet und nichts kommt. Nichts. NDR-gebündeltes Schweigen. Funkstille. Nur ein Traum, ein Alptraum.

Es kann aber vorkommen, dass ich eine CD nicht korrekt programmiert habe. Mit bedeutungsschwangerer Betonung den Titel ansage: ".... und nun Where Flamingos Fly'", lippensynchron auf den Startknopf drücke und die Musik ausbleibt. Tödliche Stille. Reagiert man routiniert, murmelt man etwas von "klemmendem CD-Player", macht einen kleinen Scherz über sich und den technischen Fortschritt und drückt nebenbei und möglich lautlos die vergessenen Tasten. Ist man nervös, schaltet man das Mikro ab, lässt das nunmehr leere Musikversprechen in der Luft hängen, tippt und klackt und - mit zehn Sekunden Verspätung kommt der Song. Er ist nicht mehr derselbe. Er hat sich verändert, er ist mit dem Makel des Zuspätgekommenen behaftet, mag er noch so neu sein. Das Band zwischen Musik und Wort ist gerissen.

Schreiben über Musik hält die Zeit an, sitzt man aber am Sendepult abends um zehn, vor sich die leuchtenden Knöpfe, seitlich die drei CD-Player, manchmal ein Plattenspieler auf Rollen (nostalgisches Telefonat um acht: "Könnten Sie mir bitte für später den Plattenspieler anschließen?"), die Kopfhörer mit dem Kopfmikro (nachgepegelt auf + 6, weil ich so leise spreche), dann gibt die Musik plötzlich die Zeit vor - komprimierte Realzeit statt gedehnter Schreibzeit. Alles geht viel zu schnell, obwohl 55 Minuten Sendezeit - 10 Minuten Text, 45 Minuten Musik - ein Traum in Zeiten der 3-Minuten-Formathäppchen sind.

Trotzdem verlässt man das Funkhaus wie betäubt. Kein nachträglicher Blick auf den Text, kein Stolz auf diese eine gute Formulierung: das Manuskript zu lesen ist wie am Knochen nagen. Das Fleisch ist weg. Der Pförtner winkt freundlich aus dem Häuschen (ich vermute, er sieht lieber TV), es ist vorbei, es hat sich wieder Mal "versendet", wie es Sprachgebrauch ist.

Die Leere bleibt. Selbst während die Musik läuft, lässt sie sich schwer genießen. Der nächste Textabschnitt wartet, man unterstreicht, formuliert neu, streicht Abschnitte, stellt um, wirft die Wörter raus, die todsichere Sprachstolperer garantieren, programmiert den nächsten Titel, kontrolliert den Pegel, rechnet die Restzeit aus, ob da etwas zu kürzen ist und ein längeres gegen ein kürzeres Stück zu tauschen ist. Genießen sie nun Round About Midnight. Keine Zeit.

Als ich anfing, Radiosendungen zu schreiben und zu moderieren, hatte ich den Klang von Michael Naura vor Ohren, von John Peel oder Alan Bangs. Endlich musste ich mir keine Metaphern, keine Be- und Umschreibungen von Musik mehr aus den Fingern saugen, endlich konnte ich die Musik für sich sprechen lassen, ein paar Hinweise, einige Erklärungen zu Person und Werk, zum Titel und nun die Musik, die man an den Hörer bringen will, nicht nur an den Leser.