Das Nationale – es lässt uns vorerst nicht los! Dabei folgt es doch gegenwärtig (noch?) gar nicht dem Warnruf: Wehe, wenn sie losgelassen… Aber während wir uns in der vorigen Woche angesichts des bunten Flaggengewimpels an Autos, Häusern und auf den Straßen noch erleichtert darüber zeigen durften, dass das nationale Symbol in den Farben Schwarz-Rot-Gold durch diese konjunkturelle Inflation nicht wirklich entwertet, aber doch entschärft wird, versuchten inzwischen andere, die nationale Frage neuerlich anzuschärfen. Und zwar haben dies – auf den ersten Blick – die GEW (wer weiß noch, was das ist?) und der Walter Jens getan ( „Gegner“ des national-deutschen Wesens). In Wirklichkeit aber war es die national höchst verantwortlich handelnde Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) gewesen, die aus zwei angejahrten Stoßseufzern eine nationale Suppe aufzukochen, sprich: eine (Leit-/ respektive Leitkultur-)Debatte zu inszenieren versuchte. Als Aufhänger waren ihr, wie gesagt, auch angerostete Nägel recht.

Die GEW also brachte eine Broschüre heraus, in der sie Fallerslebens Deutschland-Lied als eine gefährliche nationalistische Dichtung entlarvte. Der Einfachheit halber verwendete sie dafür eine fünfzehn Jahre alte Broschüre wieder. Das hatte immerhin den Vorteil, dass man sich die Sache nicht neu ausdenken musste – vor allem aber, dass man gar nicht darauf eingehen musste, wie sich die Lage seit der deutschen Wiedervereinigung insgesamt entwickelt hatte, während man an deren Anfang ja durchaus besorgt sein konnte, wo das hingehen werde mit der wiedergewonnenen Einheit. Also, so die GEW: Weg mit der bisherigen Nationalhymne.

Um die künstliche Sprengladung aber richtig scharf zu machen, wandte sich die FAZ auch an Walter Jens, der wiederum einen Vorschlag herauskramte aus den Jahren des Einheitstaumels: Statt Fallersleben nun Brecht, Kinderhymne – wie schon von ihm gesagt im Frühjahr 1990, übrigens in der ZEIT . Aber jetzt setzte Walter Jens noch einen drauf: Es müsse eine hervorragende neue Komposition her, obwohl sich doch sowohl Brechts Kinderhymne – übrigens ebenso wie die Becher-Hymne der weiland DDR – sich sehr wohl nach der Melodie des Deutschlandliedes intonieren ließe. Aber nun, so der große Rhetor aus Tübingen, soll nun neben dem Text auch noch die Melodie politisch entkeimt und entsorgt werden, als ob der gute Josef Haydn, Österreicher zumal, großdeutsche Phantasien vertont hätte, als er das Andante zu seinem Streichquartett in D-Dur komponierte. Im Übrigen, so Jens, wisse ja auch niemand mehr, was „des Glückes Unterpfand sei“ – ein Argument, mit dem ausgerechnet der literarisch so hoch gebildete und anspruchsvolle Literaturkritiker Jens zum ersten Mal für öffentliche Sprachvergessenheit und Bildungsverlust plädierte. Wie gut, dass er immerhin nicht fragte, wer denn schon noch wisse, was „Einigkeit“ und „Recht und Freiheit“ bedeuten…

Nun fragt sich der Kolumnist, worüber er sich mehr verwundern soll: Über diese Alt-Kritik am überholten und längst abgestorbenen Nationalismus – oder über den mühsamen Versuch des Frankfurter Blattes, aus volkspädagogischen Gründen (oder der Auflagepflege wegen) doch noch ein bisschen nationale Erregung zu stimulieren, und sei es in der verkrochenen Form der anti-linken Erregung. In dieser quälenden Ratlosigkeit und Entscheidungsmühe flüchtet sich der Kolumnist wie nach einem schlechten Fiebertraum in die realistische Erkenntnis nach dem Aufwachen: Ach, es ist ja nur eine Scheindebatte! Weshalb sich darüber aufregen? Die nächste Scheindebatte kommt bestimmt – und die dritte Strophe des Deutschlandliedes bleibt, Richard von Weizsäcker hat es endgültig so angeordnet, die Nationalhymne.