Mein WM-Tag begann am 4. Mai 2006 um exakt 14.18 Uhr. Da bekam ich elektronische Post vom Organisationskomitee der Weltmeisterschaft, also eigentlich von Franz Beckenbauer himself. Dass ich ein so genanntes Match-Ticket für das Spiel Saudi-Arabien gegen die Ukraine zugeteilt bekommen hätte, abzuholen bis 90 Minuten vor Spielbeginn stand da, bei Nichterscheinen gelbe Karte, yours sincerely .

Sofort rannte ich los und erzählte allen Kollegen den Redaktionsflur rauf und runter von meinem Glück. Vielleicht werden Sie sagen, ein Sportjournalist einer großen Zeitung, der ein WM-Spiel sehen darf – was ist daran so bemerkenswert? Nun, dann kennen Sie die Fifa aber schlecht. Nicht jeder, der eine Akkreditierung für die WM hat, darf auch rein ins Stadion. Man muss für jedes Spiel ein extra Ticket beantragen, ebenso für die Pressekonferenzen nach dem Spiel. Wer eins bekommt, entscheidet – genau, die Fifa. Mit meiner lokalen Akkreditierung nur für Hamburg, dazu für eine sportferne Wochenzeitung, stand ich ganz hinten in der journalistischen Warteschlange. Deshalb die Freude, als ich die Zusage für dieses Spiel bekam.

Ehrlich gesagt, sind meine Kenntnisse über die Ukraine rudimentär. In der Studenten-WG meiner Frau war einmal eine ukrainische Austauschstudentin zu Gast, Ludmila. Sie trug Pullover aus 100 Prozent Plastik über ihrem großen Herzen, und ihr Reisegepäck bestand im Wesentlichen aus Plastiktüten voll Zucker, Nudeln und Salz, einigen Wurstkonserven mit zweifelhaftem Inhalt und diversen Mitbringseln, Schreibtischutensilienaufbewahrungsbehälter und ähnliches, die aussahen, als wären sie aus dem Sondermüll von Tschernobyl gefertigt. Ludmilas Vertrauen in die Vorratswirtschaft des Westens war also nicht sehr ausgeprägt, und gelegentlich kochte sie für uns, es waren Feste der Völkerfreundschaft und des eisernen Willens, den Teller aus Höflichkeit leer zu essen. Wir sprachen dann, immerhin studierte sie Deutsch, über Paul Celan, der ja auf dem Gebiet der heutigen Ukraine geboren wurde, und fortan verkündete Ludmila allen Gesprächspartnern stolz, dass Porzellan bei ihr daheim erfunden wurde.

Mein Verhältnis zu Saudi-Arabien ist ähnlich profund. Mein Sohn hat mal eine Dokumentation über die Liebe der Scheichs zur Beizjagd gesehen, da konnte man die Falken in ihrem klimatisierten Käfig hocken sehen, und haben sie nicht auch Kneippanlagen zum Wassertreten für ihre Rennkamele? In meiner Phantasie traten also an meinem WM-Tag ein paar wasserstoffblonde Fallschirmseidentrainingsanzugträger, die ihr gesamtes Hab und Gut in Plastiktüten bei sich führen und mit dem Linienbus aus Kiew anreisen, gegen ein Team von Dekadenzlingen an, das in seinem privaten Jumbo Jet goldene Klodeckel hat.

Es ist dann ein ganz normales Fußballspiel geworden. Die außergewöhnlichste Prüfung war der Weg zum Stadion, bei 30 Grad schwüler Hitze im Shuttlebus zur Arena, da klebt die Hose schon nass am Bein, bevor der erlösende Gewitterregen überhaupt begonnen hat. Auf dem ersten Teil der Anreise in der S-Bahn deuteten vier nette Halbstarke auf meine Akkreditierung, die mir wie jedem mit der WM Befassten um den Hals baumelt (und die weniger sportaffine Kollegen an die Brustbeutel alleinreisender Kinder erinnert; „die Infantilisierung der Gesellschaft schreitet voran“, sagt die Literaturredakteurin, die im Übrigen auch für die Sportbücher zuständig ist). Ob ich damit wohl überall reinkäme, wollten die Jungs wissen, und ob ich nicht Angst hätte, abgezogen zu werden. Bis dahin hatte ich die nicht, aber jetzt… Ebenfalls etwas halbstark sagte ich, dass das alles sehr genau gescannt und überwacht würde und sie jedenfalls mit dem Ding nicht reinkämen. Worauf sie mich fragten, ob ich wenigstens ein Laptop im Rucksack hätte. Zum Glück musste ich dann aussteigen; zum Abschied rief einer der Jungs: Ach, DIE ZEIT , die liest meine Mutter! Schönen Gruß zuhause, konnte ich noch sagen, dann begann das Schwitzen im Bus.

Im kicker , den alle deutschen Kollegen wie ein Zeuge Jehovas die Bibel unterm Arm tragen, wollte ich dann noch das Neueste von Oleg Blochin lesen, dem ukrainischen Trainer und früheren Weltklassespieler, der so aussieht, als gäbe es den Warschauer Pakt noch. Aber bevor ich überhaupt seinen mit Hammer und Sichel gezogenen Scheitel auf dem kicker -Foto inspizieren konnte, stand es schon 1:0 für ihn, also die Ukraine. Da waren noch keine drei Minuten gespielt. Irgendwie haben alle Mannschaften der südlichen Hemisphäre ein Torwartproblem. Natürlich nicht in dem Sinne, wie wir in Deutschland ein Problem haben mit zu großen Torwart-Egos. Die Position an sich scheint in all den Ländern von der Elfenbeinküste quer über den Kontinent bis zu den Arabern nicht sehr begehrt zu sein. Jedenfalls spielen all die Jungs zwischen den Pfosten so, als hätte man sie da zufällig abgestellt, weil sie da noch am wenigsten stören.