Zu den Sonntagsspielen später. Zunächst ein patriotisches Bekenntnis, wie es in Schwarzrotgoldland derzeit Pflicht zu sein scheint: Ich bin für die Tschechen. Schon seit 1934, was für einen Fan Jahrgang ´56 keine geringe Leistung ist. Unvergesslich, wie die Jungs um Oldrich Nejedly damals die "Ulicka" schufen. Mit diesem Kurzpassspiel, zu deutsch "Gässchen", kreiselte sich die Tschechoslowakei bis ins Finale. Dort unterlag sie, nach Verlängerung, Mussolinis brutalen Italienern, die den legendären Torwart Planicka zusammentraten.

Tragik und Torhüter… 1962 standen die Tschechen wieder im Finale, gegen Brasilien, dem sie in der Vorrunde dank des Traumtorhüters Schrojf ein 0:0 abgetrotzt hatten. Schrojf hielt auch im Endspiel unfassbar - diesmal unfassbar grauenvoll: 3:1 für Brasilien. 1976 dann der einzige Triumph, als der westdeutsche Elfmeterschütze Uli Hoeneß über den Kasten des gloriosen Ivo Viktor den Mond von Belgrad anvisierte. Seither brennt für jenen Hoeneß in der Kapelle meines Herzens ein Licht, keineswegs aber für jenen Bierhoff, der Tschechien im EM-Finale 1996 mit einem Hoppelschuss erlegte. Ich erlebte das Drama von Wembley auf dem Prager Altstädter Markt, inmitten von 60.000 weinenden Tschechen. Anderntags empfingen wir selbigenorts jubelnd die geschlagenen Helden, inklusive Kummerkeeper Kouba. Ich stand mit ihnen auf der Bühne, drückte Poborskys Hand und legte die meine an Smicers blutdurchtränkten Kopfverband. Poborsky trug noch Mähne, Nedved kurzes Blond. Das war längst umgekehrt, als im Halbfinale der gloriosen EM 2002 Tschechien auf die Griechen traf. Noch heute würgt´s: Sensationssieg der Rehakliten, Nedveds Tränen… Aber sie würden trocknen bei dieser WM 2006.

Jetzt das, 0:2 gegen Ghana. Ein Glücksergebnis! Torwart Cech verhinderte mehrfach das 0:6. Und als nächstes, gottogott, gegen Italien, ohne Sturm. Koller verletzt, Baros verletzt, Smicer sowieso. Ujfalusi rotgesperrt, Lokvenc wegen zweimal Gelb. Zu allem Überfluss raste mein zehnjähriger Sohn jubelnd durchs Fernsehzimmer und feierte in falschverstandener Toleranz den ghanaischen Sieg. Immerhin fragte Conny vor der Partie Italien - USA einfühlsam: "Papa, was wünschst du dir jetzt?" - Matt erbat ich ein Unentschieden mit ein paar roten Karten, zuförderst für den notorischen Übelrömer Daniele De Rossi. Ich wurde erhört. Aah, der sittliche Genuss, als Schiedsrichter Larriondas Kärtchen aufflammte wie Auroras Morgengruß! Da wusste man, warum das Farbfernsehen erfunden werden musste.

Den folgenden Sonntag verbrachte ich als Rekonvaleszent. Mein Tipps waren: Japan - Kroatien 0:0, Brasilien - Australien 1:0, Frankreich - Südkorea 0:0. (Ich notiere das hier nur, um eine gewisse Fachkenntnis anzudeuten, habe aber in der ferneren Vergangenheit mitunter schon einmal geirrt.) Dank ihres elfmetertötenden Torwarts Kawaguchi können Nippons Söhne die WM mit einem Pünktchen verlassen. Kroatien, das Brasilien wacker widerstanden hatte, zeigte in eigener Regie ernüchternden Biedersinn. Den schönsten Fernsehmoment des Sonntags schuf Co-Kommentator Pierre Littbarski, der bei Japan - Kroatien unvermittelt lachte und sagte: Manchmal sind die Fußballspieler wirklich dumm.

Zu wünschen wäre, dass Australien diese Gruppe übersteht. Die Socceroos boten Brasiliens Passgang-Kickern eine schneidige Partie, dennoch trugen sie an ihren Stirnen das Mal der Vergeblichkeit. Selbiges Mal erkenne ich auch im Spiel der Grande Nation. Ihr Sturmspiel hat ja selten überzeugt, aber in den Reihen des Weltmeisters von 1998 standen, nein rannten Irrwische wie Petit und Dugarry, die stracks zum Tore strebten. Heute schaukelt das Spiel der Blauen so berechenbar wie selbstgefällig monoton dahin. Immerhin erzielte Henry nach acht Jahren wieder ein französisches WM-Tor, worauf ich einen schönen Korsen entkorkte, der jedoch Zidane & Co. weniger beflügelte als mich. Das Spiel der Koreaner war, wie üblich, behändes Gewusel, ihr Ausgleichstor zum Kichern. Der Altruist gönnte es den roten Tausendschaften im Leipziger Zentralstadion, die unermüdlich auf Koreanisch Freude schöner Götterfunken sangen und nun endlich Grund dazu hatten. Wer aber Les Bleus vom Rasen schleichen sah, der wusste mal wieder: Fußball ist Bluesball.

CECHY DO TOHO!

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