Wochenende, so hieß dieser Teil der Woche jedenfalls einmal wenn ich mich recht erinnere. Aber das war vor der Weltmeisterschaft. Seit acht Tagen hat die übliche und so hilfreiche Einteilung unserer Zeit in Tage, Stunden und Minuten nur noch eine untergeordnete Bedeutung. Heute ist Ghana gegen Tschechien. Eines dieser Spiele, die ich mir schon lange vor der WM in meinem kleinen Spielplan mit einem Ausrufezeichen versehen habe. Unbedingt Anschauen heißt das. Aber bis dahin dauert es noch. Ist nämlich erst um "Zweites".

Vielleicht fragen sie sich was das wieder bedeuten soll. Vielleicht ein Vertipper meinerseits und ich meine in Wirklichkeit "im Zweiten"? Aber vielleicht ticken sie ähnlich wie ich und haben sofort erkannt, dass damit nur das zweite Spiel des Tages gemeint sein kann. Eine weitere Neuerung in der Zeitmessung. Am Freitag rief mich ein Freund an und fragte ob ich am nächsten Tag zum Fußballschauen vorbeikommen wolle. "Und, wann kommst Du vorbei? Erstes oder Zweites?" - "Erstes schaff ich nicht antwortete ich", genauso gut hätte ich sagen können "Erstes" interessiert mich nicht - schließlich ist morgen Ghana -Tschechien und nicht Iran - Portugal.

Daran erkennt man eventuell schon wie sehr die Weltmeisterschaft unseren Alltag durcheinander gewirbelt hat. Kollege Dehne berichtete in seinem Redaktionsschuss von etwas Größerem , das sich in unserem Land abspielt. Das sehe ich genauso. Was hier gerade vonstatten geht ist sogar riesig, ungeahnte Dimensionen. Vor der WM sprach unser aller Kaiser und Hubschrauber-Bonusmeilen-König Franz Beckenbauer häufig davon, dass die Weltmeisterschaft ein Jahrhundereignis sein würde. Ich bin mir nicht sicher ob ihm die Tragweite seiner "Prophezeiung" überhaupt bewusst war. Aber ich wundere mich nicht darüber, dass sie bereits nach einer Woche wahr geworden ist. Bei Franz wundert mich gar nichts mehr.

Dinge verändern sich mit einer Geschwindigkeit wie im Zeitraffer. Nehmen sie als Beispiel das bereits so oft erwähnte, schwierige, Verhältnis der Deutschen zu ihrer nationalen Identität - verbessert, wenn nicht komplett umgekrempelt. Die Menschen in diesem Land haben begriffen, dass es Spaß macht zu sagen "Ich bin stolz Deutscher zu sein" wenn das bedeutet "Ich bin total verrückt nach Fußball, grille gern Fernsehen guckend im Garten, wenn ich nicht gerade im Stadion bin um da mit meinen Freunden aus aller Welt für irrsinnige Stimmung zu sorgen." Die Aufwertung im Deutschland-Bild der Welt, das Aufräumen mit gewissen, viel zu lange vorherrschenden Vorurteilen, das ist etwas das man sehr wohl als Jahrhundertereignis bejubeln darf.

Veränderung gibt es aber auch im Kleinen, wie die bereits angesprochene neue "Zeitrechnung", oder die rapide Zunahme neuer Vokabeln in die Umgangssprache. Kannten sie vor der WM Ausdrücke wie "gedankenschnell" oder "zeitnah"? Denken Sie kurz nach wie oft sie diese Begriffe in den letzten Tagen von diversen Kommentatoren gehört haben. Ein weiterer, unterschätzter Aspekt dieser WM ist der Lerneffekt. Natürlich ist es nicht gut wenn man zehn Stunden am Tag vor dem Fernseher verbringt, das machen auch die Wenigsten hoffe ich, aber man lernt durchaus etwas über Länder und Leute auf dieser Welt.

Die teilnehmenden Nationen stehen eben auch für Regionen und Kontinente. In Süd- und Mittelamerika, und auch in den USA, ist zum Beispiel "Wrestling" sehr populär, eine Art Showkampf mit wenig Regeln bei dem sich aber niemand wirklich weh tut, weil man sich nicht richtig schlägt. Einige der "Kämpfer" tragen bunte Masken über ihrem Gesicht. Die Fans kaufen sich auch solche Masken und tragen sie bei Veranstaltungen um ihren Idolen näher zu sein.

Natürlich ist das nicht die Art Information, die einem im Alltag großen Nutzen beschert, aber man hat wieder etwas dazugelernt. Einige maskierte ecuadorianische Fans im Stadion mögen bestimmt neben Fußball auch "Wrestling", gut zu wissen. Nebenbei erfährt man auch wo Ecuador liegt, was man dort isst und wie es dort aussieht. Das ist in fünf Minuten Vorbericht mehr Information, als in einer Stunde Jugendgericht. Manchmal sind auch deutsche Fans derart von den Ländern angetan die gerade zu Gast sind, dass sie sich spontan neben Deutschland ein weiteres Team aussuchen um es im Turnier zu unterstützten. Sozusagen der Trend zur "Zweitmannschaft".

Einige Fans entdecken so ihre Liebe zu Mexiko, andere wären gerne mal Argentinier oder ein togolesischer Medizinmann. Für jeden ist etwas dabei und nur an den Trikots und Farben im Gesicht erkennt man schon lange nicht mehr wo ein Fan eigentlich herkommt. Trikottausch auch bei den Fans, nicht mehr nur bei den Spielern, noch eine Neuerung. Was bei dieser WM noch alles auf uns zukommt und wie es danach hier aussehen wird, das lässt sich noch nicht sagen. Jetzt ist erst einmal Ghana - Italien, es ist kurz vor "Zweites" und ich muss noch einige Devotionalien suchen, das T-Shirt mit dem schwarzen Stern und das rot-gelb-grüne Stirnband. Ich bin jetzt Ghana und genau das ist das Tolle an dieser WM.

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