Der Tag und die Stunden danach: hupende Autos; lachende, feiernde Menschen mitten in der Nacht und der Woche; Wir-fahren-nach-Berlin- Sprechchöre irgendwo auf den Straßen. Etwas hat sich geändert in diesem Land. Das Spiel der Spiele, den WM-Krimi gegen Polen, habe ich mit Freunden geschaut -  genauso, wie Reportagen auf Sat.1 oder RTL Männerrunden gerne darstellen: Auf einer mit Flaggen dekorierten Terrasse hocken gut 20 auf Tore und Bier fixierte Ball-Experten neben einem dampfenden Grill.

Zwei Stunden nach dem Abpfiff spaziere ich von der U-Bahnstation durch meinen Hamburger Heimatstadtteil Eimsbüttel und lasse die Stimmung in den Straßen auf mich wirken. Auch nach Mitternacht sind die Straßencafés und Kneipen noch gut besucht. Als ich mir mit der Hand über die Wange fahre, habe ich einen verschmierten Farbmix aus schwarz, rot und gelb an den Fingern. Meine Gesichtszüge sind in einem Dauergrinsen verkrampft. Das Spiel mit dem guten Ende hat seine Spuren auch an mir hinterlassen. Mit Erstaunen stelle ich fest, dass ich mich nicht für meine Maskerade schäme. Hätte ich mich vor sechs Jahren, sechs Monaten oder sechs Tagen getraut, mich in dieser Fan-Mimikri der Öffentlichkeit zu zeigen? Was hat die WM mit mir gemacht?

Mein Handy klingelt. Nach diesem Abend scheint es das Normalste der Welt zu sein, dass um halb zwei nachts Freunde anrufen. Mein Gesprächspartner muss genau wie ich eigentlich schleunigst ins Bett, denn auch er muss am Morgen früh aufstehen. Die bevorstehende, kurze Nacht wird Opfer der Verdrängung, in diesem Moment ist es wichtig, die Eindrücke zu teilen - und sei es über eine Mobilfunkverbindung. Über das Spiel wird nicht gesprochen, wir müssen wichtigere Dinge bereden. Wir fragen uns, wie diese Eruption des kollektiven Bekenntisses zum eigenen Land, zu Deutschland, zustande kommt. Wir sprechen über jahrzehntelang unterdrückten Patriotismus und witzeln, dass noch ein Sieg der Klinsmänner reichen könnte, um das Duo Haydn/Hoffmann von Fallersleben post mortem in die Charts zu katapultieren.

Das Gespräch ist beendet, ich bin zu Hause und ich falle ins Bett. Aber an Schlaf ist noch nicht zu denken. Ich schalte den Fernseher an und lasse mich von Bildern der feiernden Fans überfluten, als meine Freundin die Haustür aufschließt. Sie hat mit Kollegen und Bekannten das Spiel in einer Kneipe gesehen. Auch sie hat eine Flagge in der Hand. Vor genau vier Monaten waren wir zusammen zum Skifahren in Polen. Wurden wir dort von Einheimischen gefragt, woher wir kommen, haben wir uns immer gefühlt, als ob wir beim Schummeln erwischt worden wären. Dieses Verhalten erscheint uns nun absurd. Sie erzählt von Diskussionen in der Bar, wie man auf Gesänge reagieren soll, die jedermann auffordern aufzustehen, wenn man für Deutschland ist. Wir wissen beide nicht, wie wir mit diesem neuen nationalen Selbstbewusstsein umgehen sollen.

Ich wache auf. Der Radiowecker zeigt eine Urzeit an, die mich erschrecken lässt. Der Spiegel im Badezimmer offenbart mir Augenringe und Fragmente einer Flagge auf meiner Backe. Ich wische die Restfarbe ab und mit ihrem Verschwinden ist auch das Hochgefühl gewichen. Der junge Tag hat viel mit mir vor und wirft seine Schatten voraus. Ein Telefonat mit Fredi Bobic steht an, Fußball-Artikel wollen redigiert und WM-Vorberichte verfasst werden. Ich freue mich auf das Spiel Ecuador-Costa Rica, das ich im Stadion erleben werde. Aber die Welt erscheint am Morgen reichlich unwirklich und mein anstehender Tagesablauf unwichtig. Die Eindrücke der letzten Nacht sind noch nicht verarbeitet. Vielleicht hatte Oliver Kahn doch Recht, als er auf einer Pressekonferenz in die Mikrofone rief "Es geht hier nicht um mich, es geht um etwas Größeres". Das Gefühl habe ich langsam auch.

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