Ich habe es nicht geschafft. Während die Deutschen jubeln, vergrabe ich meinen Kopf in den Sofakissen, weil ich nicht dabei sein konnte. Dabei rede ich nicht einmal von Tickets fürs Stadion. Nein, ich hatte mir nur gewünscht, das Spiel auf dem Bildschirm zu sehen. Aber es hat nicht geklappt. Langsam denke ich darüber nach, ob die völlige Abwesenheit von Fußball in meinem Leben nicht mit einem Paradox aus meiner Kindheit erklärt werden muss.

Mein Bruder war Schalke-Fan, was in den frühen achtziger Jahren einer Übung in Charakterfestigung gleich kam. Er litt mit dem Verein zunächst in der ersten, später in der zweiten Bundesliga. Und ich musste mitleiden. Während ich mich auf das gemeinsame Lagerbauen im Garten freute, hing die Laune meines Bruders von Sieg oder Niederlage der Königsblauen ab. Gewannen sie, konnten wir im Baumhaus eine neue Etage anbauen. Verloren sie aber, musste ich manchmal alleine in den Garten. Also fieberte ich schließlich mit. Unfreiwillig sozusagen.

Ein bisschen geht es mir so auch während dieser WM. Im Grunde interessiert sie mich nicht, wohl auch, weil ich absolut keine Ahnung von Fußball habe. Ich gelte in dieser Tagebuch-Kolumne als Exotin (wobei ich heute gelesen habe, dass sich knapp 14.000 Besucher täglich in das Weblog www.wmfreiezone.de einklicken und es im Südwesten Deutschlands einen Radiomoderator gibt, der öffentlich bekannte, er würde von Keinem eine WM-Karte annehmen). Aber die WM macht mich nervös, weil sie anderen so wichtig erscheint. Ich habe keinen Fernseher zu Hause. Das ist üblicherweise kein Problem, denn ich habe Internet mit DSL und Flatrate. Doch die Fifa hat jedes live-Streaming der Spiele verboten. Lange hoffte die Internetgemeinde, eine chinesische Webseite würde sich darüber hinwegsetzen, hat sie aber nicht.

Ich brauche also eine Karte für digitales Fernsehen. Die habe ich vergangenen Freitag gekauft. Vor dem ersten Anpfiff. Kurz nach dem Anpfiff war klar, dass mir eines dieser Teile fehlte, deren Namen sich niemand merken kann, die aber ungeheuer wichtig sind, weswegen mir der Händler ihn am Samstag auf einen kleinen Zettel notierte, weil er mir nicht sicher versprechen konnte, es bis Mittwoch besorgen zu können. Ich sollte es in einem Großmarkt versuchen.

Heute Mittag habe ich es gekauft, jetzt kann Deutschland gegen Polen spielen. Es ist ein wichtiges Spiel, was ich daran merke, dass ich zum Spätdienst in der Redaktion eingeteilt werde. Spätdienst heißt in diesen Zeiten: alle Nachrichten verfolgen außer Fußball. Das will an diesem Mittwoch keiner machen, also ich. Während des Anpfiffs sitze ich in der S-Bahn nach Hause - von 21 Uhr an interessieren keine anderen Nachrichten mehr. Sie geschehen nicht einmal mehr. Zwischen 21 Uhr und 22:49, als die Eilmeldung "Zweiter Sieg für deutsche Nationalmannschaft: 1:0 gegen Polen" gesendet wird, gehen ganze 27 Nachrichten über dpa ein - sämtliche Ressorts zusammengenommen. Davon 15 zum Thema Fußball.

Während die erste Halbzeit läuft, merke ich, dass ich das falsche Teil gekauft habe.

Radio also. Fußball im Radio zu hören, ist ein bisschen wie Telefonsex. Nur nicht so anregend. Von den paar Minuten, die ich von der ersten Halbzeit noch mitbekomme, bleibt im Grunde nur hängen, dass es 0:0 steht. Dann Pause. Ich esse etwas und fluche ein bisschen, denn da ich zwei kleine Kinder habe, die jetzt friedlich schlafen, jederzeit aber von einem Albtraum geplagt hochschrecken könnten, kann ich nicht noch spontan zu einem dieser Event-Leinwände losziehen. Wut ist das vorherrschende Gefühl. Etwas Scham.

Während der zweiten Halbzeit lese ich vor dem Radio Zeitschriften. In einer Glosse beschreibt eine Mutter ihre Zweifel, ob sie es schafft, ihren Söhnen "diese Zeiten" als unauslöschliches Kindheitserlebnis nahe zu bringen. Mein Sohn ist vier und hat noch nie ein Fußballspiel gesehen. Die Scham wächst.

Dann naht das Ende dieser Partie. Und nach den nicht enden wollenden Chancen und "möglichen späten Toren" fällt es dann endlich, das "ganz, ganz späte Tor". Ich höre den Jubel.

Als ich ihn anrufe, meldet sich mein Bruder nicht. Er hat den Sieg draußen gefeiert.

Lesen Sie alle WM-Berichte der ZEIT-Mitarbeiter "