Als der Schlusspfiff ertönte, stürmten Angolas "schwarze Antilopen" auf ihren Torwart zu, küssten ihn und begruben ihn unter sich. Ob aus Erleichterung, aus Begeisterung oder schlichtweg aus Mitgefühl, war schwer zu erkennen. Fest steht: Diese WM hat ihren ersten Helden; und er kommt nicht aus Argentinien oder einer ähnlichen Fußballgroßmacht.

Ach Afrika, deine Torhüter, wird oft gestöhnt. Hohe Bälle, das heißt Bälle ab zwei Meter über Grund, werden gar nicht erst trainiert, sagt man. Doch ist das natürlich, wie zum Beispiel der hervorragende Torwart Kameruns beweist, oftmals ein pauschalisierendes Vorurteil. Heute allerdings traf es zu, partiell gesehen. Und das, obwohl Angolas Torwart eigentlich Portugiese ist...

João Ricardo ist 36 Jahre alt, geboren in Angolas Hauptstadt Luanda, und mit vier Jahren nach Portugal gekommen, als seine Eltern nach der Unabhängigkeit Angolas das Land verließen. Heute ist er vereinslos und darf sich auf dem Gelände eines unterklassigen portugiesischen Clubs fit halten. Doch scheint er dort, ungestört von realem Fußballgeschehen, klammheimlich eine neue Spielweise entwickelt zu haben: die einarmige Fangtechnik. Mexiko, vielleicht irritiert, konnte ihn jedenfalls nicht überwinden.

Denn der entscheidende Vorteil des Torwarts war sein völlig, nun ja, unorthodoxes Spiel. Fürwahr, es ist absolut unprofihaft, rückwärts in Flanken zu springen, grundsätzlich eher mit einem Arm zum Ball zu gehen als mit zweien, und Lupfern im Entengang mit hochgestreckten Armen entgegenzukommen. Aber genau dies könnte auch das Geheimnis des Erfolges gewesen sein. Niemand wusste, was für eine Einlage packt der Tormann als nächstes aus.

Entscheidend ist ja bekanntlich, was hinten rauskommt, beziehungsweise reingeht. Und das war: nichts. Zwar ging es im Strafraum Angolas auch und vor allem wegen Ricardo öfter zu wie auf dem Wühltisch bei Karstadt im Sommerschlussverkauf, doch konnten die Mexikaner daraus kein Kapital schlagen. Wenn Ricardo doch einmal versagte, hatte er immer Helfer um sich. Vor allem die Innenverteidiger Jamba und Kali verloren nie die Übersicht. Und mitnichten sollte man bei den Angolanern von "tapferen" "Jungs" sprechen, wie es bei afrikanischen Mannschaften gern getan wird. Sie spielten ein kompaktes System, taktisch hervorragend eingestellt, hinten sicher, nach vorne recht zielstrebig und schwer vom Ball zu trennen.

Mexiko fehlte vor allem Torjäger und Kopfballungeheuer Borgetti. Flanken wurden vielleicht aus diesem Grund gar nicht erst geschlagen. Es ging meist phantasielos durch die Mitte, die mit Angolas sechs Defensivkräften zugestellt war. Fast mechanisch spielte Mexiko sein flüssiges Spiel, doch ohne jegliche Tempoveränderung, ohne Überraschungsmoment. Unglaublich, dass diese Mannschaft noch ein Jahr zuvor Brasilien besiegt haben soll.