St. Pauli, das ist in Hamburg die Bastion der Linken, der Alternativen, der Nichtangepassten. Im Süden begrenzt die ehemals besetzte Hafenstraße den Stadtteil, im Norden die immer noch von Autonomen verwaltete "Flora". Das Viertel steht für Prostitution und Reeperbahn, für Punk, Party, Toleranz und linke Lebenswelt. Hier fühlt sich zu Hause, wer sich nicht mit dem Bürgerlichen abfinden oder aus finanziellen Gründen daran nicht teilnehmen kann. Auf St.Pauli hält man zu den Kleinen, zu den Unterdrückten, den Underdogs.

Und nicht zu den Vereinigten Staaten.

So war es bis zur Fußballweltmeisterschaft.

Es ist Samstag und das abendliche, das dritte Spiel steht an. Italien gegen die USA heißt die Paarung, die in Kaiserslautern in wenigen Minuten angepfiffen und hier in einer Kneipe in einer Nebenstraße der Reeperbahn von etwa 50 Fußballfans geschaut werden wird. Fußballgucken ist Gemeinschaftssache, auch im Hamburger Vergnügunsviertel. Und die Gemeinschaft entspricht ziemlich genau der soziologischen Zusammensetzung St.Paulis.

Die sportliche Situation ist klar, hat doch Italien das erste Spiel souverän gewonnen und sich damit in den Kreis der Favoriten gespielt. Der Gegner hingegen hat die Auftaktbegegnung mit 0:3 verloren - steht also mit dem Rücken zur Wand.  Die USA sind spielerisch den Italienern hoffnungslos unterlegen. Eine schön durchmischte Situation: Der politische Goliath ist sportlich ein David - und vice versa. Zu wem hält der St.Paulianer? Die Sympathien lassen sich nicht verteilen, aber die Partie ist zu spannend, um sie emotionslos zu betrachten. Kein Fan in dieser Kneipe wagt vor Anpfiff zu verraten, wem er die Daumen drückt.

Die Partie geht ordentlich los. Italien dominert die ersten Minuten und geht in Führung. Das Auditorium an der Reeperbahn hält erstaunlich still. Höflicher Applaus, mehr Unterstützung ist für die Azzurri nicht drin. Nur kurze Zeit später fällt der Ausgleich, unverdient und glücklich aus Sicht der US-Boys. Die Reaktion ist lauter als beim Treffer davor - freilich aber noch verhalten. Die mutigsten Kommentare aus der Zuschauerloge variieren zwischen einem kindlichen "Gönnung!" und einer harten Politisierung der sportlichen Umstände "Scheiß Berlusconi!".

Nur kurze Zeit später: die stimmungsentscheidende Szene in diesem Spiel. Italiens de Rossi erhält nach einem üblen Ellenbogencheck die rote Karte und seine Mannschaft muss mit zehn Spielern antreten. Die Fronten vor der Leinwand in der Kneipe sind geklärt: Offener Jubel brandet auf. Das Publikum bejohlt nicht etwa dieses grobe Foul, sondern die Tatsache, dass Italien nun mit einem Mann weniger spielen muss. Man bekennt sich zu dem sportlich kleinen Amerika.

Wiederum vergeht wenig Spielzeit, bis auch Amerika durch Fouls sich selber dezimiert. Nun wird der Schiedsrichter beschimpft und das Team von Bruce Arena offen angefeuert. Als dann nach der Halbzeit der zweite US-Boy des Feldes verwiesen wird, ist die Zweckgemeinschaft USA-Fangemeinde St.Pauli enger zusammengerückt denn je. Jetzt sind die Amis entgültig die Guten, schließlich haben sie es jetzt schwerer. Jeder Angriff der neuen Sympathieträger wird mit lauter Unterstützung der Zuschauer in der Kneipe vorgetragen. Jeder Sturmlauf der Italiener ausgepfiffen und durchgezittert, bis der Ball wieder in den sicheren Handen des amerikanischen Torwarts ist. Dann ist wieder Johlen und Klatschen angesagt.

Abpfiff. Die USA haben tatsächlich das Remis gehalten. Jubel. Und für ein paar Minuten war der große Feind der beste Freund.