Was gibt es Sinnigeres, als ein Brasilienspiel mit sonnenverbranntem Gesicht zu kommentieren? Vielleicht ein brasilianisches Brasilienspiel. Doch das war dieser Auftritt der vermeintlichen Fußballgötter am Sonntag wahrlich nicht. Glück hatten sie, und die Australier taten dem neutralen Zuschauer Leid. Ein Unentschieden wäre gerecht gewesen. Aber, wie so oft, und gerade hier im Stadion von Bayern München, es siegt meist doch der Favorit. Fast schon frustrierend. Dabei war die Ehrfurcht der Australier vor ihren Gegenspielern nicht eben groß. Die Furcht aber, dem Mythos Brasilien ein Tor einzuschenken, umso größer - selbst, als der Kasten nach Patzer von Torwart Dida einmal leer stand.

Nein, dieses Spiel war nur bedingt brasilianisch. Auch, wenn die Rahmenbedingungen wie immer waren. Stimmung, Wetter, Schlachtordnung. Trainer Parreiras Aufstellung ist so bekannt und unumstößlich wie das Line-Up der Rolling Stones. Doch bröckelt auch hier an einigen Stellen der Lack. Die besten Jahre des Teams scheinen vorbei zu sein. Ronaldo schleppte sich, wenn auch weniger schwerfällig als noch im Kroatienspiel, behäbiger aus der Kabine als der etwa 60-jährige Physiotherapeut. Und auf dem Platz agierte er wie eine Dampfwalze mit Spritmangel. Immerhin musste er so keinen erneuten Kreislaufkollaps fürchten.

Überhaupt ist man versucht, Parallelen zur traurigen Entwicklung des ehemaligen Weltmeisters Frankreichs zu ziehen, dessen Hauptfigur Zidane, stellvertretend für einige Kollegen, nur noch ein Schatten früherer Tage ist. Cafu jedenfalls ist 36 Jahre alt, und Spieler wie Emerson oder Roberto Carlos auch schon jenseits der 30. Das schienen die Australier zu wissen, denn immer wieder konnten die sich über die Außenbahnen durchsetzen und flanken, wo Sturmtank Marc Viduka dann allerdings kaum Stiche gegen Lucio sah. Aber, nein, nein, Brasilien ist einzigartig. In Brasilien ist jede Fußballergeneration eine goldene Generation, wenn man sie denn spielen lässt.

Da ist Robinho, genannt das Kind. Etwa dreimal so aktiv, schnell, gefährlich und gut wie Ronaldo, den er 20 Minuten vor Abpfiff ersetzte - eine sinnbildliche Wachablösung? Oder Adriano, der Bär. Auch er tauchte zumeist unter, vielleicht, weil Ronaldo keine Räume reißen konnte, schlug dann aber blitzschnell und tödlich zu - 1:0, 49. Minute, nach Vorarbeit von - Ronaldo. Ein wahrhaft bärenhafter Schuss, dann wieder lange nichts. Aber das kennt man ja in Bayern. Und schließlich Fred, 23 Jahre alt, staubte zum 2:0 in der Nachspielzeit ab.

Alles wie gehabt? Mitnichten, dazwischen passierte einiges: Kurz nach dem Führungstor lief Australiens Bresciano frei aufs Tor zu, verlangsamte aber unerklärlicherweise das Tempo, bevor er von Zé Roberto gestoppt wurde. Dann ein Patzer von Dida, trotzdem schoss Kewell unglaublicherweise über das Tor, wie auch zehn Minuten später mit einem schönen Lupfer.

Australien stand hinten gut, ließ kaum etwas anbrennen. Und nach vorne kam durchaus etwas zustande. Technisch überraschten die "Socceroos" mit ungeahnten Fertigkeiten. Doch auch diese Qualität sollte nicht belohnt werden. Australien spielte so kampfstark, wie es Markus Merk aus der Bundesliga offenkundig nicht gewohnt ist: Seine kleinlichen Pfiffe kamen recht einseitig Brasilien zugute, nicht den körperbetont aufspielenden Australiern. Trotzdem: Am Schiri lag es nicht. Eher an australischer Demut. Die aber werden andere Mannschaften dieses Turniers nicht immer zeigen.

Brasiliens zweiter, etwas glücklicher, Sieg offenbart, dass auch diese Mannschaft noch von dieser Welt ist - beruhigend. Und so kann man sich guten Gewissens festlegen: Argentinien wird Weltmeister. Doch Obacht, Totgesagte leben länger.

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