Jürgen Klinsmann wusste das Ergebnis zu genießen: Erst jubelte er wie entfesselt mit den Spielern, dann ging er einige Meter allein zurück in Richtung Reservebank, ballte die Fäuste und jubelte in sich hinein. Anschließend ging er auf ein Mädchen zu, das ihn um ein Autorgramm gebeten hatte und schrieb geduldig seinen Namen auf einen Ball – verliess sodann den Innenraum mit durchgeschwitztem Hemd, kehrte zurück mit Sakko, um schließlich in verschiedenen Interviews mit frischem, weißem Hemd ganz staatsmännisch zu verkünden: Ab morgen konzentrieren wir uns auf das Spiel gegen Ecuador.

Dieses Spiel, man darf das wohl so sagen, wird in die Ära Klinsmann als ein zentrales Ereignis eingehen. Da hätte zwar nicht alles, aber vieles kaputt gehen können. Nicht alles, weil die Polen nur eine einzige erwähnenswerte Chance hatten und somit die Möglichkeit einer Niederlage nicht ernsthaft im Raum stand. Im Nachhinein lässt sich das entspannt bilanzieren, jedoch hätte vieles kaputt gehen können, weil Klinsmann – wieder einmal – das Schicksal provozierte. Durch die Einwechslung zweier Stürmer signalisierte er: Wir geben uns mit dem Unentschieden nicht zufrieden, und sei es um den Preis eines erfolgreichen Konters der bis zuletzt kombinationssicheren, aber zunehmend kraftlosen Polen.

Klinsmann ließ, wie in den vergangenen zwei Jahren seiner Amtszeit, um alles oder nichts spielen. Er brachte mit David Odonkor einen unerfahrenen, in letzter Minute in den Kader gerutschten jungen Mann aufs Feld, dem der Druck in seinen ersten Aktionen deutlich anzumerken war. Er nahm mit Arne Friedrich - endlich - den auch in diesem Spiel wieder indisponierten Rechtsverteidiger vom Feld. Auch hier blieb er sich treu: Jedem seine Chance, gerne auch zwei, aber irgendwann ist eben Schluss.

Das Besondere, neben den schon fast prophetischen Einwechslungen und dem daraus unmittelbar hervorgehenden Torerfolg (Flanke Odonkor, Abstauber Neuville), war die Tatsache, dass man erstmals in der Ära Klinsmann nicht bei jedem Angriff des Gegners um die deutsche Abwehr bangen musste. Metzelder und Mertesacker gewannen nahezu jeden Zweikampf, die Schwachstelle Friedrich wurde von den Polen zu spät als solche erkannt - und Philipp Lahm spielte, nun schon zum zweiten Mal in diesem Turnier, eine Weltklassepartie. Nahezu alle herausgespielten Torgelegenheiten wurden von ihm eingeleitet, und um ein Haar wäre ihm ein Tor nach der Art des Kunstschusses gegen Costa Rica geglückt.

Was bedeutet nun, in summa, dieser Sieg, der in der Nachspielzeit errungen wurde, nachdem es 90 Minuten lang nicht gelungen war, den Leitsatz 1 der Klinsmannschen Lehre: „Wir schießen eben ein Tor mehr als der Gegner“, umzusetzen? Nicht mehr und nicht weniger, als dass sich in diesem Turnier eine deutsche Mannschaft präsentiert, die ihre (in Dortmund wieder fabelhaften) Fans mitreißt, die aber in jedem Spiel von neuem Fragen aufwirft, die vermutlich nicht immer so beantwortet werden wie in der 92. Minute von Dortmund. Ein 0:0 hätte ein Zitterspiel bedeutet gegen Ecuador, man hätte nicht verlieren dürfen.

Für Jürgen Klinsmann ist ein wichtiges Etappenziel erreicht, unabhängig von der nahezu feststehenden Qualifikation für das Achtelfinale. Noch nie ist seine Handschrift so deutlich geworden, wie heute Abend. Wie man ihn kennt, hat ihn das genauso gefreut wie das späte Tor. Vielleicht sogar noch ein kleines bisschen mehr.

Zum Spielbericht "
Bilder des sechsten Spieltages "
Gruppe A "
Alles über die Deutsche Elf - eine Sonderseite "