Fußball ist gut für den Weltfrieden, für den Nationalstolz und auch für die Konjunktur. Die Bedeutung der Fußball-Weltmeisterschaft für den globalen Umweltschutz ist in diesen Tagen allerdings noch nicht ausreichend gewürdigt worden. Wie gut deshalb, dass es Sigmar Gabriel gibt: Der Bundesumweltminister hat anlässlich der aktuellen Ballspiele zehn Amtskollegen eingeladen, nein, nicht um im Stadion einer Männer-Leidenschaft zu frönen. Ein Schelm, wer so etwas denken würde.

Nein, der Sozialdemokrat will mit seinen Amtskollegen ökologische Zukunftspläne schmieden. Wer könnte es ihnen Übel nehmen, dass die Herren nebenher von Zeit zu Zeit aufs Spielfeld schauen? Wo doch selbst die Kanzlerin am Mittwoch so eifrig 22 deutsche Männerbeine angefeuert hat. Ob das allerdings höflich war gegenüber ihrem Gast Lech Kaczynski, so zu kreischen und die Armee in die Höhe zu recken, das ist eine ganz andere Frage. Im Protokoll der Diplomatie ist diese Frage nicht geregelt. Aber der in Dortmund so mürrisch dreinblickende polnische Präsident ist ja eh kein Freund der Deutschen. Das hat er nun davon.

Die Fußball-Weltmeisterschaft ist ein richtiger Magnet für große Jungen aus aller Welt. Es geht auf dem Berliner Flughafen derzeit zu, wie sonst nur bei Gipfeln und großen Beerdigungen. Viele Könige und Präsidenten, Kanzler und Minister wollen sich im Glanz ihrer Elitekicker sonnen. 697 Staatsgäste hätten sich zur WM angemeldet, hatte die Fifa vor einem Monat mitgeteilt, doch die Quellenlage für diese Zahl ist unklar und die Gästelisten im Auswärtigen Amt sind geheime Verschlusssache, wegen Bin Laden. Aber es werden bis zum Finale schon einige zusammenkommen.

Vermutlich gibt es sogar manches bilaterale Problem, das in den letzten Wochen in den wichtigen Amtsstuben der Welt extra ersonnen wurde, um unbedingt zwischen dem 9. Juni und dem 9. Juli gelöst zu werden. Die Handelsprobleme zwischen Deutschland und Costa Rica zum Beispiel. Ein klarer Fall für Blitzdiplomatie. Kaum war das Eröffnungsspiel gelaufen, war schon keine Rede mehr davon.

So groß ist der Andrang, dass einige Staatsgäste sogar an die Bundesländer abgeschoben werden mussten. Deshalb ist der spanische König Juan Carlos am 23. Juni lediglich Gast der rheinland-pfälzischen Landesregierung. Das bedeutet: Empfang in der Mainzer Staatkanzlei statt im Berliner Schloss Bellevue, Beck statt Köhler.

Nicht auszudenken, welche diplomatischen Verwicklungen es geben könnte, wenn dann in Kaiserslautern auch noch die Saudis gewinnen würden. Diplomatie ist ja von je her ein heikles Geschäft, am Rande der WM gilt dies allemal. Es kommt auf die Zwischentöne an, da wird genau darauf geachtet, wer darf neben wem sitzen, wer wird von wem empfangen, wer erhält militärische Ehren, wer nur einen kalten Händedruck. Das Kanzleramt arbeitet am Rande des Zusammenbruches, täglich bis 15 Uhr - wenn das erste Spiel beginnt.

Die wirklich wichtigen Weltpolitiker kommen allerdings erst später, wenn die heißen Spiele stattfinden. Tony Blair kommt vielleicht zum Achtelfinale, wenn England soweit kommt; der Gegner könnte dann Deutschland heißen. Romano Prodi zögert noch, weiß nicht, wie stark seine korruptionsgeschüttelten Jungs wirklich sind. Von José Luis Rodriguez Zapatero sind bislang keine Reisepläne bekannt, kommen wird er bestimmt, schließlich sind die Spanier Mitfavoriten. Dagegen sieht George Bush bislang überhaupt keine Veranlassung, Reisepläne zu schmieden. Er kommt erst am 14. Juli nach Deutschland, wenn alles vorbei ist.

Beim Endspiel wollen viele dabei sein, Prodi, Blair und auch Chirac. Kein Problem. Merkel kann mit allen Dreien. Vielleicht aber sollte Deutschland seinen Endspielpartner auch nach politischen Erwägungen aussuchen. Mit dem französischen Präsidenten ließe sich am Rande des Finales die EU-Verfassung retten, mit dem iranischen Präsidenten der Weltfriede. Nein, das geht nicht, Mahmud Ahmadinedschad ist in Deutschland schließlich Persona non Grata.

Bliebe nur noch eine diplomatische Finesse zu klären. Gibt es auf der Ehrentribüne im Berliner Olympiastadion genug Platz, um zum Finale die Präsidenten all jener Länder einzuladen, die sozusagen mit Humankapital dazu beigetragen haben, dass Deutschland Weltmeister wird? Ghanas Präsident John Kufuor für den Flügelflitzer Odonkor, Lech Kaczynski als Dank für die polnische Doppelspitze Klose/Podolski (aber nur, wenn er bis dahin Lächeln übt!) und Hans Modrow für die drei Spielmacher Ballack, Borowski und Schneider. Falls es eng wird, müsste halt Edmund Stoiber zu Hause bleiben, der Bayer Kahn sitzt ja sowieso nur auf der Ersatzbank.

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