Eine Szene. Ungefähr fünf Minuten vor dem Ende des Spiels zwischen Frankreich und Südkorea schafft Zidane etwas, was sich die Zuschauer der französischen Mannschaft seit Jahren erhofft haben und bisher nie wirklich zustande kam: Der perfekte Pass auf Thierry Henry. Genau der Pass, mit dem Henry seinen Ruf aufbauen konnte. Durch dieses Anspiel wurde er vier Mal zum besten Torschützen der Premier League gekrönt, auch in diesem Jahr.
Nun ist er auf der linken Seite des Strafraums, setzt sich gegen zwei Verteidiger durch und legt sich den Ball auf seinen rechten Fuß. Der Torwart rast ihm entgegen. Diese Situation hat er 100 Mal bei Arsenal erlebt, 100 Mal hat er das Tor mit geschlossenen Augen getroffen, 1000 Mal wird er noch treffen.
Gestern Abend, im französischen Trikot, schießt Henry den koreanischen Torwart an.

Bis zur Hälfte der zweiten Halbzeit leistete der koreanische Gegner keinen so zu nennenden Widerstand. Die Franzosen konnten das Spiel kontrollieren, teilweise beherrschen, wie während der ersten Halbzeit. Der offensive Druck der Bleus drängte die Koreaner in ihre eigene Hälfte. Ohne Rücksicht auf die Statistik war man jetzt sicher, dass die Franzosen noch ein oder zwei Treffer erzielen würden – wie damals, als sie eine gefürchtete Mannschaft waren.

Dass sie kein zweites Tor schossen lag zuerst am Missgeschick, wie bei diesem Kopfball von Viera, der hinter der Torlinie landete, aber vom Schiedsrichter nicht anerkannt wurde. Verstörend jedoch, wie unfähig die Bleus waren, ihre Tormöglichkeiten zu nutzen, obwohl sie 75 Minuten lang ständig am Ball waren. Die Schüsse von Malouda wurden nie zu Treffern, weil die Tore leider nur 7,32 Meter breit sind, und nicht 25,79. Und die Schüsse von Viera wurden keine Treffer, weil die Tore leider nur 2,44 hoch sind, und nicht 14,27. Ein krasser Mangel an Technik, der auf diesem Niveau nicht stattfinden dürfte.

Aber immerhin führten die Franzosen 1:0 seit der 7. Minute. Ein Tor innerhalb des Strafraums, von Thierry Henry. Die meisten Tore der Bleus wurden im Strafraum erzielt. Also war vielleicht doch die Aufstellung von Domenech, David Trezeguet auf der Bank lassend, nicht die beste? Trezegol, wie er genannt wird, bleibt innerhalb des 16-Meter-Raums der sicherste und gefährlichste Stürmer überhaupt. Er wurde in der 90. Minute eingewechselt. Vielleicht ein bisschen spät, um mit dem Ball noch Sinnvolles anzufangen. Domenech alles vorzuwerfen, wäre aber zu einfach. Der französische Trainer sorgt zwar für Verwirrung und ist keinesfalls Herr seiner Sache; doch kann er nicht dafür angeklagt werden, dass sich nicht jeder seiner Spieler selber Fragen stellt.

Und Henry schoss auf den Torwart. Der Fußball der Franzosen überfordert seit sechs Jahren den normalen Menschenverstand. Das Alter spielt allerdings in dieser abermals verpatzten Partie kaum eine Rolle. Erstens, weil 30,8 Jahre noch jung genug ist, das vergisst man schnell – selbst bei hohem Niveau können Dreißiger locker mit Zwanzigern mithalten. Zweitens, weil sie als 26-Jährige auch scheiterten. Aber in der Tat: Wer älter wird, hat mehr Erlebnisse und mehr Traumautisches in der Seele - mit der Fußballseele geht es auch so. Viel mehr als das physische Alter müsste man sich fragen, wie sechs Jahre Versagen in den Köpfen rumoren.

Armer Zinedine Zidane. Er bekommt eine gelbe Karte für seinen Frust und damit ist er für das nächste Spiel gegen Togo gesperrt. Vielleicht war sogar dieses Spiel sein letztes. Wie unwürdig dieses Ergebnis, wie unwürdig diese Ungewissheit! Das Genie hätte einen anderen Abschied verdient, als in der Anonymität einer Vorrunde zu versinken.

Um sich zu qualifizieren, müssen die Franzosen gegen Togo mit zwei Toren Unterschied gewinnen. Eine Mission impossible. Zwar ist Togo weder die Elfenbeinküste noch Ghana. Aber halt, die Mathematik – und das Herz – sagen: Alles ist noch möglich! Dieses kleine Chanson hörte man bereits vor vier Jahren, vor der letzten Partie der WM-Vorrunde gegen Dänemark und als die Bleus 0:1 gegen Senegal verloren und 0:0 gegen Paraguay gespielt hatten. Alles ist noch möglich, dieses Wiegenlied hört man immer wieder. Aber wir schlafen nicht ein und haben trotzdem Albträume.

Zum Spielbericht "
Der Spieltag in Bildern "
Gruppe G "