Frankreich steht bei der Fußball-WM schon früh am Scheideweg. Selten hat der Schlachtruf "Allez les Bleus" eine derart auffordernde Bedeutung wie vor der zum "Schicksalsspiel" erhobenen zweiten Vorrundenpartie gegen Südkorea am Sonntag im Leipziger Zentralstadion. "Wir müssen rennen und kämpfen bis zum Umfallen", forderte Stürmerstar Thierry Henry bedingungslosen Einsatz, von dem bei der "Nullnummer" im Auftaktspiel gegen die Schweiz nichts zu sehen war.

"Wir müssen uns steigern und anfangen, Tore zu schießen", meinte Florent Malouda, der nach seiner geheimnisvollen Verletzung auf seinen Einsatz hofft. Seit Petits Treffer zum 3:0-Endspielsieg gegen Brasilien am 12. Juli 1998 warten die "Blauen" auf ein WM-Tor. Besserung versprach Willy Sagnol. "Wir können befreiter aufspielen und wollen den Fans etwas beweisen", meinte der 29-jährige Bayern- Spieler. Sagnol rechnete am Freitag mit einigen Weltmeistern von 1998 ab, die Frankreichs Leistung in der "L'Equipe" gegen die Schweiz heftig kritisiert hatten. "Sie sollen die Klappe halten. Sie waren nicht dabei und können das nicht beurteilen", schimpfte Sagnol.

Unter Erfolgsdruck geraten, bemühte sich Coach Raymond Domenech um Contenance. "Selbst bei einem Unentschieden ist noch nichts verloren, wenn wir anschließend Togo schlagen", meinte der 54-Jährige. Verbandschef Jean-Pierre Escalottes setzte die schwächelnde "Equipe Tricolore" allerdings unter Erfolgsdruck, indem er "zwei Siege" forderte. Eine Niederlage würde das zweite WM-Trauma des Weltmeisters von 1998 nach 2002 mit dem torlosen WM-K.o. praktisch perfekt machen.

Um den schlimmsten Fall nicht eintreten zu lassen, will Domenech nach dem zaghaften Auftritt gegen die Schweiz "die Hunde von der Leine lassen". Er verlangt von seinem Ensemble "mehr Kreativität, Fantasie, Bewegung, spielerische Freiheiten und mehr Mut zum Risiko". Domenech baut auf die "Solidität" seines Teams, hat aber gehörigen Respekt vor dem WM-Vierten von 2002. "Das wird nicht leichter als gegen die Schweiz. Die Südkoreaner sind sehr gut organisiert."

Wie er den gegen Togo siegreichen Asiaten taktisch beikommen will, verriet er nicht. "Alles ist möglich. Es kommt aber nicht auf Systeme an, sondern auf die Spieler. Große Mannschaften haben große Spieler, die wissen, was auf dem Feld zu tun ist", so Domenech, der sich auch von Zinedine Zidane beraten ließ. Der Kapitän plädiert für zwei Stürmer und favorisiert dabei seinen Kumpel David Trezeguet als zweite Spitze neben Henry. Nach Maloudas Rückkehr hat Domenech die Qual der Wahl, ob er Senkrechtstarter Franck Ribéry im linken Mittelfeld bringt oder ihm wieder die Rolle des Edeljokers verpasst. Falls er zum Einsatz kommt, wird Lilian Thuram am Sonntag den Rekord von Marcel Desailly von 116 Länderspielen egalisieren.

Asiens erfolgreichstes WM-Team hat keine Angst vor den Franzosen. "Wir sind es gewohnt, gegen berühmte Verteidiger mit großem Ruf zu spielen. Das wird gegen Frankreich auch nicht anders", sagte Lee Chun-Soo, Torschütze zum 1:1 gegen Togo. "Jetzt wird es Zeit, dass wir sie schlagen", meinte auch Südkoreas niederländischer Chefcoach Dick Advocaat optimistisch. Beim Confed-Cup 2001 gab es ein 0:5, im Mai 2002 unterlag Südkorea den Franzosen in einem Testspiel 2:3.

Advocaat: "Es wird schwer für uns, aber unser Gegner steht nach dem 0:0 gegen die Schweiz unter Druck." Nervös ist bei den Asiaten keiner: "Dafür gibt es keinen Grund. Jeder erwartet, dass Frankreich gegen uns gewinnen wird. Aber wir werden sie diesmal vielleicht überraschen".