Einige Minuten nach dem Abpfiff der Begegnung Ghana – Tschechien ertönte die Karnevalshymne Viva Colonia aus den Lautsprechern im Rhein-Energie-Stadion. Den meisten Anwesenden im Stadion dürfte der Kölner Kultsong völlig unbekannt gewesen sein, ebenso wie das notorische Feiern der "fünften Jahreszeit" in der Rheinmetropole. Dass man sich als Zuschauer am Fernseher doch ein wenig an den Karneval erinnert fühlte, lag wohl an den Fans der westafrikanischen Überraschungsmannschaft aus Ghana. Die mitgereisten oder in Deutschland lebenden Ghanaer, die an diesem Nachmittag in Köln den wesentlich kleineren Fanblock stellten, machten über die 90 Minuten der Begegnung, und darüber hinaus, ihre numerische Unterlegenheit mehr als wett. Wie? - Mit tanzen, singen und feiern – und das ab der 67. Sekunde. So lange, Verzeihung, so kurz dauerte es nämlich nur, bis der Spieler des Tages, der 20-jährige Asamoah Gyan, mit einem Schuss von der Strafraumgrenze seine Mannschaft in Führung brachte. Doch das frühe Tor sollte an diesem Tag nicht die einzige Überraschung für die Tschechen bleiben. Es scheint, als ob sich Ghana in einer Mission befindet. Der Auftrag: europäischer spielen als die Europäer.

Am "Anschauungsobjekt" Tschechien demonstrierte Ghana eindrucksvoll, dass in Afrika sehr wohl ergebnisorientierter Fußball gespielt wird – noch dazu ein ziemlich attraktiver. Die meisten Experten waren sich vor der WM und auch nach den ersten Spielen einig, dass die Elfenbeinküste das derzeit beste Team auf dem afrikanischen Kontinent sei. Eine Einschätzung, die die "Elefanten" mit ihren starken Leistungen in den Spielen gegen Argentinien und auch gegen Holland bekräftigten. In beiden Partien hatte die Mannschaft von Stürmerstar Didier Drogba erfrischenden Fußball auf allerhöchstem technischen Niveau geboten, und das, ohne dabei taktische Disziplin vermissen zu lassen. In der Geschichte des Fußballs ist leider der Name desjenigen verloren gegangen, der die Mär verbreitet hat, dass die Vereinigung dieser Attribute "europäisch" zu nennen ist. Eine klare Missachtung der unterschiedlichen Entwicklungsgeschichten und Qualitäten des Fußballs auf den verschieden Kontinenten. Die Adaption europäischer Spielweise brachte den "Holländern Afrikas" (schlimmer geht es leider immer) aber außer Expertenlob bei dieser WM nichts ein – beide Spiele, und somit das Turnier, endeten mit knappen Niederlagen.

Doch zurück zu Ghana. Schon im ersten Gruppenspiel gegen Italien hatte sich abgezeichnet, dass Ghana über ähnliche Anlagen verfügt wie das Team der Elfenbeinküste - hervorragende Technik, überragende Athletik, Zweikampfstärke und, wiederum, das Einhalten eines taktischen Systems – aber wie die "Elefanten" konnten auch die "Black Stars" all diese wunderbaren Fähigkeiten nicht zu einem Sieg nutzen. Wie immer waren die hiesigen Experten schnell mit einem Urteil zur Stelle. Der Torwart sei zu klein, im Sturm fehle ein Stürmer à la Drogba oder Eto’o und die Abwehr genüge internationalen Standards einfach nicht, wurde geschrieben. Zumindest den letzten Punkt hatte Ghanas serbischer Trainer Ratomir Dujkovic anerkannt. Nach seinem Katastrophenfehlpass zum 0:2 gegen die Italiener musste der erfahrene Sammy Kuffour gegen Tschechien auf die Bank, und mit ihm der linke Außenverteidiger Addoquaye Pappoe. Eine Maßnahme, die sich auszahlen sollte, denn die "Ersatzmänner" Illiasu Shilla und Hamza Mohammed präsentierten sich in Weltklasseverfassung. Immer dann, wenn es doch einmal ein Angriff der Tschechen durchs ghanaische Mittelfeld schaffte, das war allerdings nicht oft der Fall, stellte sich die Abwehrreihe Ghanas als ein für die Tschechen unüberwindbares Hindernis heraus. Man muss vielleicht dazu sagen, dass Tschechien gewissermaßen ohne Sturm angetreten war. Vratislav Lokvenc, der den verletzen Jan Koller ersetzen sollte, war nicht zu sehen, bemerkenswert für einen Spieler von über 1,90 Meter Körpergröße. Da auch Tschechiens zweiter Topstürmer Milan Baros an einer Verletzung laboriert und damit die Liste gelernter Stürmer im Team auch schon erschöpft ist, war sein "Verschwinden" ein weiterer herber Schlag. Der ehemalige Kaiserslauterer tauchte einmal kurz auf, um sich eine gelbe Karte abzuholen, dank derer er für das entscheidende dritte Gruppenspiel gesperrt sein wird, danach tauchte er wieder unter.

Ghanas Sieg mit Tschechiens schwacher Leistung und ihrer Sturmmisere zu erklären, wäre jedoch mehr als ungerecht. Die "Black Stars" regierten das Spielfeld und dominierten die Tschechen beinahe nach Belieben. Angeführt vom Mittelfeld-Trio Michael Essien, Stephen Appiah und Sulley Ali Muntari, räumten die Ghanaer mit den (Vor-)Urteilen sämtlicher Experten auf. Der Torwart zu klein? – Und wenn schon, dann springt er eben höher. Der Angriff nicht gut genug? – Das dürfte die tschechische Abwehr nach dem heutigen Tag wohl etwas anders sehen. Allein der Gedanke an den quirligen Asamoah Gyan dürfte dem einen oder anderen tschechischen Verteidiger noch einige schlaflose Nächte bereiten. Ach ja, und die Abwehr? - Die ließ im ganzen Spiel nur drei Schüsse aufs Tor zu und praktizierte mit sichtlichem Vergnügen und zum Erstaunen der Tschechen immer wieder das Markenzeichen einer guten und selbstbewussten afrikanischen Abwehr, den Fallrückzieher im eigenen Strafraum.

Am Ende hätten die Ghanaer durchaus noch höher gewinnen können, wenn Asamoah Gyan die Nerven behalten und in der 66. Minute einen Elfmeter verwandelt hätte oder wenn Ghana danach gegen 10 Tschechen - Tomas Ujfalusi sah zusätzlich zum Strafstoß noch eine rote Karte - seine zahlreichen Chancen abgeklärter genutzt hätte. So schossen die "Black Stars" in der zweiten Hälfte nur noch einen Treffer zum 2:0 Endstand. Den Fans war das egal, sie wollten nur noch tanzen, und das ist gut so. Auf dem Platz ein "europäisches" Ergebnis, auf den Rängen afrikanische Begeisterung – ganz und gar nicht am Ergebnis orientiert. Mit dieser Erfolgsformel könnte Ghana durchaus noch weitere Überraschungen gelingen.

Zum Spielbericht "
Bilder vom neunten Spieltag "
Gruppe E "