Ich muss gestehen: Ich war ziemlich aufgeregt. Schließlich findet die Fußball-Weltmeisterschaft in der Regel nur einmal im Leben in Deutschland statt. Und dann durfte ich auch noch höchstselbst zu einem Spiel der deutschen Mannschaft. Gegen Schweden, im Achtelfinale – eine denkwürdige Schlacht!

Am 30. Juni 1974 war das, fast auf den Tag genau vor 32 Jahren. Ich bin ein eher normal interessierter Couch-Fußballfan, weit davon entfernt, noch nach Jahren Mannschaftsaufstellungen, Spielszenen oder auch nur einzelne Ergebnisse memorieren zu können. Aber dieses Match im Düsseldorfer Rheinstadion, das nun am Samstag in München Wiederaufführung feiert, hat sich bei mir tief eingeprägt. Es war überhaupt das erste bedeutende Spiel, das ich als Jugendlicher live gesehen habe – und dann auch noch so eins!

Die deutsche Mannschaft geriet früh 0:1 in Rückstand, aber sie kämpfte und kämpfte und kämpfte, angeführt von der Lichtgestalt Franz Beckenbauer, von Paul Breitner, Uli Hoeneß und dem unermüdlich rackernden "Terrier" Berti Vogts, der sich durch den von heftigem Regen aufgeweichten Boden pflügte. Deutschland glich aus und ging 2:1 in Führung, dann wieder ein Gegentreffer der Schweden. 2:2, es wogte hin und her, wir zitterten, hofften und bangten, vom Regen bis auf die Knochen durchnässt, auf der Stehtribüne zusammengedrängt zwischen den anderen brüllenden Zuschauern. Am Ende gewann Deutschland 4:2 – ein hart erkämpfter Sieg. Glücklich ging ich mit meinem Vater nach Hause. Ich war dabei gewesen!

Das Endspiel später gegen die Niederlande und viele andere Spiele, die sich seitdem im Fernsehen gesehen habe, waren auch spannend. Aber sie erreichten bei mir nie mehr diese Intensität, dieses – durch die Erinnerung sicher auch verklärte – Gefühl, ein einmaliges, kaum wiederholbares Drama miterlebt zu haben.

An all das hatte ich schon vor einem Jahr denken müssen, als ich mich eines Abends vor den Computer setzte, um in der Fifa-Tombola für mich und meine beiden Söhne Karten für die zweite WM auf deutschem Boden zu beantragen. Wir hatten Glück und bekamen für zwei Vorrunden-Spiele in Hamburg Tickets, wenn auch ohne deutsche Beteiligung. Monatelange Vorfreude. Am Montag dann das erste Spiel, Saudi-Arabien gegen Ukraine. Wir machen uns zeitig auf den Weg. In der S-Bahn zum Stadion schon ein buntes Völkergemisch, stämmige Ukrainer, distinguierte Araber in vollem Ornat oder in assimiliertem, europäischem Freizeit-Dress, fröhliche Mexikaner, die sich irgendwie verlaufen zu haben schienen, einige hellhäutige Deutsche, mit einem selbst gebastelten Turban auf dem Kopf als Saudi-Anhänger erkennbar – eine sonst wohl eher seltene Spezies. Im Stadion dann eine absolut friedliche Atmosphäre, nicht so verbissen und aggressiv aufgeladen wie bei manchen Bundesligaspielen, die wir auch schon zusammen besucht haben. Fahnen aus allen möglichen Ländern hängen im Rund, auch eine israelische – direkt neben einer von Saudi-Arabien, also von zwei verfeindeten Ländern.

Die Ukrainer machen ziemlich viel Radau, die grün gewandeten Saudi-Fans in der gegenüberliegenden Kurve sind kaum vernehmbar. Das Spiel selber ist nicht so aufregend, die Ukrainer siegen standes- und erwartungsgemäß, aber ziemlich glanzlos. Immerhin fallen vier Tore (das dritte direkt nach der Pause, als wir noch in der langen Schlange vor dem Getränke- und Würstchenstand stehen – und im Stadion gibt es ja leider, anders als im Fernsehen, keine Wiederholung!). Zwischendurch vergnügen wir uns als Zuschauer, wenn es zu langweilig wird, mit La-Ola-Wellen und freuen uns daran, wenn sie zwei-, drei- oder gar viermal durchs Oval rollen und die Journalisten-Kollegen und die VIPs auf der Haupttribüne sie einmal nicht versanden lassen.

Mein Sohn Jonas , 12 Jahre alt, ist dennoch begeistert. Er war dabei! Aber noch mehr freuen wir uns auf das Spiel am Donnerstag, Italien gegen Tschechien – ein echter Schlager. Ich kann mich bis zuletzt nicht recht entscheiden, zu wem ich halten soll. Normalerweise haben die Underdogs meine Sympathie. Aber wer ist hier Favorit, wer der Außenseiter? Jonas gibt den Ausschlag. Er schwärmt immer schon vom italienischen Essen, also schminkt er sich das Gesicht grün-weiß-rot. Sein Bruder und ich malen uns schnell noch kleine italienische Tricolori auf die Wangen. In der Bahn und im Stadion haben sich diesmal fast alle deutschen und sonstigen "neutralen" Fans auf diese Weise auf eine der beiden Seiten geschlagen. Unbeteiligt kann man ein solches Spiel nicht verfolgen. Wir sitzen allerdings, wie es das Karten-Los wollte, mitten zwischen Tschechien-Fans, die mit ihren roten Trikots und ihren Gesängen die Vormacht im Stadion haben. Macht nichts, niemand nimmt es uns übel, wenn wir für Italien jubeln.

Das Spiel ist klasse, Italien, "unsere Mannschaft", gewinnt souverän. Die Tschechen, die ich aus mir jetzt nicht mehr ganz klaren Gründen vor der WM für einen Geheim-Favoriten gehalten hatte, enttäuschen. Sie kämpfen – anders als die deutsche Mannschaft damals 1974 - nicht bis zum Letzten, obwohl es darum geht, ob sie weiterkommen oder ausscheiden. Sie scheinen sich zu ergeben. Oder können sie nicht besser? Egal, wir feiern mit den siegestrunkenen Italienern und bedauern die tschechischen Fans, die mit gesenktem Kopf davonziehen. Jonas schwebt im siebten Himmel: "Nie hätte ich gedacht, dass ich Spieler wie Totti oder Cech jemals von so nahem sehen würde."

Ein wunderschöner Nachmittag, ein fröhliches Völker-Fest. Aber die ganz großen Gefühle stellen sich bei mir nicht ein. Vielleicht, weil es eben doch nicht "unsere" Mannschaft war? Vielleicht auch, weil die Erinnerung an mein erstes Live-Erlebnis zu dominierend ist?

Auf dem Rückweg in der Bahn treffen wir Anhänger von Ghana, ganz in ihre Landesfarben gehüllt und vor Glück strahlend. Ihre Mannschaft hat zur gleichen Zeit in dem zweiten Entscheidungsspiel der Gruppe die USA besiegt und steht nun, dank der Niederlage der Tschechen, sensationell im Achtelfinale. Wir gratulieren ihnen und bedauern sie doch ein wenig, weil sie nun auf Brasilien, den großen Favoriten, treffen. Aber die Ghanaer sind unbekümmert. "Wir können Brasilien schlagen", sagt einer von ihnen mit fröhlichem Ernst, "alles ist möglich." Ja, dann!

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