"Hättest du Lust, am Samstag zu Ikea zu fahren?", fragte mich meine Liebste. "Um 17 Uhr spielt Deutschland gegen Schweden. Es wird sicher so leer sein wie noch nie, und wir können uns in der Sofaabteilung mal richtig beraten lassen. Aber wenn du doch Fußball gucken willst …?" Meine Liebste weiß genau, dass mir Fußball völlig egal ist. Nie würde ich nackt mit einer Fahne auf einer Straßenkreuzung herumhüpfen oder hupend durch die Gegend fahren. Ich bin auch niemand, der 90 Minuten vor dem Fernseher verkrampft und nägelkauend auf die eine Sekunde wartet, in der vielleicht ein Tor fällt: In der Zeit kann man genüsslich essen, ein Konzept zur Zukunft der gesetzlichen Krankenversicherung entwerfen oder fast ein halbes Buch lesen. Ich lächelte meine Liebste an. "Du weißt doch, Fußball ist mir völlig egal." Sie warf mir einen dankbaren Blick zu.

Uns war klar, dass wir dem Fußballwahn nicht ganz würden entkommen können. Ikea als geschäftstüchtiges schwedisches Unternehmen würde zum Spiel Deutschland-Schweden zumindest auf dem Kundenparkplatz eine Großleinwand aufstellen, fußballfarben bemaltes Kötbullar servieren und brüllende Kindermannschaften gegeneinander antreten lassen, angeleitet von langhaarigen Ex-Nationalspielern. Wir hatten Ohrenstöpsel dabei, als wir um 16.45 Uhr auf dem Parkplatz eintrafen. Aber da stand keine Großleinwand. Es gab keine Kötbullar-Fußbälle und kaum Kinder. Überhaupt war der Parkplatz außergewöhnlich leer. Ich wendete, um wieder nach Hause zu fahren, aber meine Liebste wollte sich davon überzeugen, dass die Eingangstür wirklich geschlossen war.

"Natürlich haben wir geöffnet", nickte der Mitarbeiter, der uns entgegeneilte. "Sie können sich in aller Ruhe umsehen; wenn Sie ablegen wollen, da hinten ist die Garderobe, darf ich Ihnen helfen?" Auch drinnen gab es keine Fußbälle. Keine Fernseher. Kein Kommentatorengequäke. So gut wie keine Menschen, ausgenommen die zwei Betreuerinnen, die im verwaisten Kinderparadies spielten. "Ich hatte Recht", strahlte meine Liebste. "Lass uns anfangen!" Wir hatten die gesamte Sessel- und Sofaabteilung für uns und konnten ungestört Probe lümmeln; nur gelegentlich streiften weibliche Kunden vorbei, die mir wegen meiner Fußballabstinenz unverhohlen bewundernde Blicke zuwarfen.

Auf einen einzigen Wink näherte sich eine Verkäuferin und informierte uns ausführlich über die Vorteile von klappbaren Ruhesesseln. "Paradiesisch", raunte meine Liebste mir zu. Tatsächlich, es war 17.18 Uhr, das Spiel musste längst begonnen haben und nichts war zu hören, kein bisschen von dem permanenten Jubeln, Schreien und Stöhnen, dem man in den letzten Wochen nicht mal im eigenen Badezimmer hatte entkommen können. Ikea war eine Oase, eine Oase der Ruhe und Entspannung mitten in diesem fußballverrückten Land. Obwohl, etwas stimmte nicht. Irgendetwas störte.

Es war das Gefühl, von allen Nachrichten abgeschnitten zu sein. Ein Gefühl, das mich irgendwie – unruhig machte. Ich lächelte über mich selbst. Wenn es mir als rationalem Akademiker so ging, wie musste es da erst anderen gehen, beispielsweise einem Fußballfan? "Erstaunlich", sagte ich um 17.27 Uhr zur Verkäuferin, als eine Gruppe von vier Frauen vorbeischlenderte, "erstaunlich, dass überhaupt noch andere Kunden hier sind. Wo es im ganzen Haus keinen einzigen Fernseher gibt …" "Das stimmt nicht", sagte die Verkäuferin, "gleich da vorn am Eingang steht einer. Wenn Sie Fußball gucken wollen …"