Harmonie hat Priorität, ein Sieg nur untergeordnete Bedeutung. Spanien spielt in seiner letzten Vorrundenpartie der Fußball-Weltmeisterschaft gegen Saudi-Arabien nicht nur um den Gruppensieg, sondern auch um den "inneren Frieden". Trainer Luis Aragonés will beim Duell am Freitag von 16 Uhr an in Kaiserslautern elf Reservisten auflaufen lassen.

Damit verhilft der Coach einerseits der kompletten Stammelf zu einer Ruhepause. Andererseits gibt er unzufriedenen Spielern der zweiten Garnitur eine Bewährungschance. Vor allem ältere Stars wie Raúl oder Míchel Salgado sowie Torwart Santiago Cañizares konnten sich bislang mit dem Reservisten-Dasein wenig anfreunden. Ein besonderer Ansporn für die B-Elf: Sie könnte das 1000. Tor der spanischen Länderspiel-Geschichte erzielen, wenn sie wenigstens fünf Treffer zu Stande bringt.

"Spanien spielt bislang den besten Fußball der WM", ist sich Aragonés sicher. Allein die Argentinier kämen an sein Team heran. "Alle anderen Mannschaften spielen auf einem niedrigen Niveau", sagte der Trainer dem Sportblatt "Marca". Allerdings räumt er ein: "Die Brasilianer sind erst bei 70 Prozent ihrer Fähigkeiten. Wenn sie 100 Prozent erreichen, muss man sich vor ihnen fürchten."

Die Spanier haben in der letzten Runde der Gruppenspiele die beste Ausgangsposition aller WM-Teams: Sie sind für das Achtelfinale qualifiziert; für den Gruppensieg reicht ein Remis und vielleicht sogar eine knappe Niederlage. Eigentlich kann nichts schief gehen: Auf der Tribüne werden König Juan Carlos und Königin Sofía als "Glücksbringer" das Spiel miterleben.

Saudi-Arabien hat nur eine theoretische Chance zum Weiterkommen. Die "Wüstensöhne" wollen vor allem ein Debakel wie beim 0:8 vor vier Jahren gegen Deutschland verhindern. Ihr Verbandschef Scheich Sultan Bin Fahad Abdulaziz verdoppelte laut "Marca" die Prämien. Bei einem Sieg über Spanien erhielte jeder Spieler 52 000 Euro.

In Berlin findet zeitgleich die Partie zwischen Tunesien und der Ukraine statt. Mit der Form von Idol Andrej Schewtschenko steigt im ehemaligen GUS-Staat das Fußball-Fieber. Seitdem der Volksheld beim 4:0 über Saudi-Arabien ein Tor selbst erzielte und ein weiteres auf geniale Weise vorbereitete, zweifelt vor dem entscheidenden Gruppenspiel keiner der 47 Millionen Ukrainer mehr am Einzug ins WM-Achtelfinale. "Jetzt schlagen wir Deutschland im Finale 3:2 nach Verlängerung. Und das entscheidende Tor schießt natürlich Schewtschenko", gab sich Box- Weltmeister Wladimir Klitschko großmäulig.

Doch Multimillionär "Schewa" gibt sich wie stets zurückhaltend, obwohl schon ein Remis genügt. "Die Tunesier haben einen guten Trainer und ein starkes Team. Wir müssen vorsichtig sein", meinte der 29-jährige Starstürmer, der gegen die Saudis mit seinem 30. Auswahltreffer seine Position als ukrainischer Rekord-Torschütze ausbaute. "Auf keinen Fall werden wir die Tunesier unterschätzen."

Nach dürftiger Vorstellung gegen Spanien (0:4) drohte die WM für ihn zu einem Fiasko zu werden. Als Folge einer Knieverletzung schien dem Super-Stürmer, der mit 52 Treffern Top-Torjäger der Champions League ist, die Form abhanden gekommen zu sein. Doch seit dem Saudi-Spiel zeigt die Formkurve steil nach oben. "Ich habe mir die Haare kurz geschoren, um alles Alte hinter mir zu lassen. Jetzt sind wir in ein neues Leben eingetreten", verwies er schmunzelnd auf seine neue Igelfrisur.

"Ein Remis wäre schon ein gutes Ergebnis, aber wir wollen unbedingt gewinnen. Dazu müssen wir das Mittelfeld kontrollieren und aggressiv in die Zweikämpfe gehen", kündigte er an. Auch wenn hinter ihm Dutzende Fans im Potsdamer Stadion beim Training kreischen, klingt jede Aussage gut überlegt und ohne Selbstüberschätzung.

Die Tunesier, die zum Einzug ins Achtelfinale unbedingt ihren zweiten WM-Sieg nach 1978 benötigen, strotzen nicht gerade vor Zuversicht. "Ich bin Realist, nicht Optimist", meinte der 65-jährige Coach Roger Lemerre, der auf den Einsatz des am Schienbein verletzten Silva dos Santos hofft. Der gebürtige Brasilianer soll das bislang dürftige Angriffsspiel des Afrika-Meisters von 2004 beleben.