Die Laune in der Koalition ist erstaunlich gut. Merken die es nicht? Oder laufen nur die Kommentatoren zu heiß? Wird die Große Koalition zu Unrecht schlecht geredet? Aber nicht einmal darüber hört man die Herren und Damen von Schwarz-Rot klagen. Das sei in rot-grünen Zeiten viel schlimmer gewesen, sagt ein Sozialdemokrat entspannt, da sei jeden zweiten Tag von der Presse der Untergang des Abendlandes heraufbeschworen worden. Dagegen sei zurzeit jeder noch so scharfe Kommentar gut erträglich. Das Stadium der gegenseitigen Abneigung, das SPD und Grüne vergangenes Jahr erreicht hatten, liegt bei Schwarz-Rot noch in weiter Ferne.

Als kleiner Indikator taugt in diesen Tagen die jährlich wiederkehrende Reihe der politischen Sommerfeste von Parteien, Landesvertretungen, Medien und Lobbyisten. Eine Art fröhliches Dauermeeting, bevor sich die Akteure in die Parlamentsferien verabschieden. Während viele Journalisten zunehmend an der Koalition zweifeln, war die Stimmung auf dem jährlichen Hoffest der SPD-Bundestagsfraktion blendend, die Musik ausgelassen laut – kein Vergleich zum letzten Jahr. Damals herrschte eine Mischung aus Wut über Franz Müntefering, der sie zum scheinbar aussichtslosen Votum für Schröders Neuwahlen gezwungen hatte, Angst und Verzweiflung; die Umfragen waren tief im Keller. Jetzt – und damit ist die gute Laune zum Teil schon erklärt – können die Sozialdemokraten nicht nur weiter mitregieren, sondern sehen sich durchaus in der Lage, eine nächste Wahl gewinnen zu können.

Dasselbe gilt für die Union. Obwohl dieser Tage gleich zwei angebliche Jahrhundertreformen in die heiße Endphase gingen (Föderalismus und Gesundheit, dazu noch die Unternehmenssteuerreform in Vorbereitung), fand die Kanzlerin die Muße, an zwei aufeinander folgenden Abenden zunächst Christian Wulff und 24 Stunden später bei Roland Koch in den jeweiligen Berliner Landesvertretungen tischplattengroße Kuchen anzuschneiden. Man traut dem Frieden kaum: Koch, wie Wulff potenzieller Rivale und Möchtegern-Nachfolger von Merkel, gab den entspannten Gastgeber, während ein paar Meter weiter sein Vorgänger im Amt des Ministerpräsidenten, Ex-Finanzminister Hans Eichel (SPD), vom Amt erlöst Hof hielt und fröhlich zum Würstchen-Grill eilte.

Beim Sommerfest der CDU-Mittelständler verzeichneten Beobachter erstaunt, wie gelassen die Atmosphäre war, obwohl Angela Merkel aus dieser Ecke gerne mit dem Schimpfwort "Sozialdemokratisierung" belegt wird. Die Rednerin Merkel hingegen gab sich dort alle Mühe, inhaltlich zu überzeugen, stieß aber auf nicht allzu viel Interesse. Das Bedürfnis der Zuhörer, sich am Fußballsommerwunderland zu berauschen, war größer.

Beide Volksparteien agieren mit einer zur Schau getragenen Gelassenheit, die sich bis ins Kabinett erstreckt. Die CDU-Spitze klagt ein wenig über die Führungswechsel und damit einhergehende Führungsschwäche der SPD, aber selbst das klingt eher väterlich als konfrontativ. Man hätte gerne einen klareren und verlässlicheren Ansprechpartner – und den lieber stark als schwach, um zu wissen, woran man ist. Aber es hat eine stark bindende Einsicht in die Notwendigkeit der Konsenspolitik Einzug gehalten ins Kanzleramt und in die Regierung. Mit dem Erfolg, dass viele, nicht nur Guido Westerwelle, die Merkel von 2003 und 2004 nicht mehr wieder erkennen.

Diese für Außenstehende, vor allem für Fans großer Reformen, unverständliche Zufriedenheit der Regierung speist sich auch aus dem Phänomen, dass sich keiner außer der Kanzlerin fürs Große und Ganze zuständig fühlt. Stattdessen frönt jeder seinem Fachressort. Und in den einzelnen Ressorts, sei es Umwelt-, Außen- oder Familienpolitik, haben die Zuständigen im Detail das Gefühl, etwas erreicht zu haben. Selbst ein Mann wie der SPD-Stratege Matthias Machnig konzentriert sich auf sein neues Staatssekretärsamt für Umwelt- und Energiepolitik, statt eine Vision der Großen Koalition zu formulieren. Seit Matthias Platzeck den SPD-Vorsitz aufgegeben hat, ist es auch um eine langfristige Strategie der Partei ruhig geworden, geschweige denn versucht noch jemand bei den Sozialdemokraten, Reformdruck auszuüben.