Mein ganz persönlicher WM-Tag begann bereits in der Nacht von Freitag auf Samstag: Grölende Betrunkene, konsequentes Flaschenklirren, hysterisches Autohupen und ununterbrochen alkoholgetränkte „Berlin, Berlin! Wir fahren nach Berlin!“-Gesänge. Schon vor Monaten hatte ich geahnt, dass die WM nicht einfach zu ertragen sein wird, wenn man in St. Pauli und in unmittelbarer Nähe zur Reeperbahn wohnt. Es war beinahe so, als hätte ich direkt auf dem Fifa Fan Fest übernachtet. Clara Ott berichtet regelmäßig über ihre Erlebnisse während der WM » BILD Aber ich war das mittlerweile gewohnt und im Grunde amüsierte mich das alles um Sechs Uhr früh. Denn heute wollte ich selbst gen Berlin fahren, eine Freundin besuchen. Fünf Stunden später durchstreiften wir in brütender Hitze Kreuzberg. Aber welch’ Unterschied zu Hamburg! Kaum nationale Bekenntnisse an den Hauswänden, nur jedes vierte Auto beflaggt – auch gern türkisch - und die Berlinerinnen tragen lieber Leggins unterm Rock statt wie in Hamburg ein Fußballdress. Mir war zwar klar, dass sich die Hysterie in Berlin viel besser als in St. Pauli verteilt. Letzteres könnte man in den vergangenen Wochen getrost als riesigen Public Viewing Point bezeichnen. Aber dass es in Berlin derart kompliziert werden könnte, die Nachmittagsbegegnung England – Portugal zu schauen, hätte ich niemals gedacht. Während es in Hamburg problemlos in jeder Kneipe, Bar oder im Restaurant Fernseher oder Beamer gibt, scheint Kreuzberg sehr dürftig mit diesem Hightech ausgestattet zu sein. Eigentlich stand es für meine Freundin Fifty-Fifty, ob ihr schwedischer Kleiderhersteller sie am Abend als Verkäuferin brauchte. Mittags herrschte nämlich gähnende Kunden-Leere am Ku'damm. Aber nachmittags, ehe sich die Berliner auf in die Nacht machen, schienen plötzlich alle ein neues Outfit zu benötigen und so fand ich mich um 17 Uhr alleine in einem italienischen Eiscafé wieder, wo ich auf dem bestuhlten Bürgersteig mit ungefähr 30 Gästen das Englandspiel ansah. Und es war überraschend nett.Wir schauten wohlgemerkt auf dem einzigen Flachbildmonitor in der gesamten Gegend. Mir wurde erzählt, dass beim Deutschlandspiel die Anwohner auf dem Bürgersteig standen, weil so ein Übertragungsmangel herrschte. Kurios auch, diesmal ohne kommentierende Männer zu schauen. Ich saß eneben einer türkisch-deutschen Frauengruppe, die sich bei Eiskaffee über den schlaksigen Peter Crouch ausließ, der angeblich wie „der Eine von Trainspotting“ aussieht. In der Verlängerung schwärmten sie vom iranischen Fußballfrauenfilm „Offside“ und riefen alle paar Minuten „Ich sterbe gleich, wenn kein Tor fällt!“. Links neben mir saß eine mit Portugal sympathisierende Anwohnerin, deren Cola ich in der 110. Spielminute nervös umschmiss. Während des langen Spiels setzten sich immer wieder Passanten zu uns, die eigentlich ihre Samstagseinkäufe nach Hause bringen wollten. Neben uns kauten ein paar Männer auf Minipizzen rum und lediglich einer wurde während des Elfemeterschießens laut. Er schrie prophetisch „Ricardo, Ricardo!“, was den Spielverlauf leider ungemein beeinflusste. Ich drückte still den Engländern die Daumen, nachdem schon meine schwedischen Favoriten aus dem Turnier geflogen waren. Doch es sollte nicht sein. Ergebnis: Die Beckham-Söhne heulten, Mick Jagger und Campino sichtlich verzweifelt und das Ego des gelackten Christiano Ronaldo unnötig aufpoliert. Schade, England.Aber mein WM-Tag in Berlin war ja noch nicht vorbei. Um meine Freundin von der Arbeit abzuholen zog es mich unweigerlich auf den Kudamm. Um 21.30 Uhr waren die meisten Geschäfte leer, ich erstand jedoch noch schnell ein paar Kunstblumen und eine rot-weiß-blaue Blumenkette für die Hawaiiparty, auf die wir später eingeladen waren. So verpasste ich die ersten 30 Minuten des Spiels Frankreich – Brasilien. Wo ich es dann guckte? Typisch berlinerisch, auf dem Gehweg natürlich. Diesmal direkt am Kurfürstendamm, gegenüber der Gedächtniskirche, an einer der internationalen Buden. Diese hatten alle mehr oder weniger große Fernseher vor jeweils vier Bierbänken positioniert. Es war schon ein Erlebnis, so zwischen schreienden Touristen, Obdachlosen, Einheimischen, Brasilianern und Franzosen. Und wie wunderbar das Ende: Die großen Favoriten sind raus! Die Weltmeisterschaft wird zu einer Europameisterschaft! Wie so vieles an diesem Tag anders war, so entwickelte sich auch meine Viertelfinalnacht in Berlin etwas aufregender als die letzten Wochenenden in Hamburg. Dort haben keine Einheimischen mehr Freude daran, auf den überfüllten Kiez zu gehen und bevorzugten um Mitternacht das Bett. In Berlin landete ich jedoch auf einer 6er-WG-Party in Schöneberg, die in einer bemerkenswerten 3-Etagen-Wohnung samt vier Balkonen residierte. Im Laufe des Abends kamen eine Menge Franzosen auf die Motto-Party. Thema Nummer eins in dieser Nacht: Wir sehen uns am nächsten Sonntag wieder. Wo? Na, in Berlin!

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