Am Montagmorgen sind die Entscheidungen gefallen . Einzelheiten sind noch nicht bekannt, doch die dringend zu klärenden Fragen waren die nach einem Gesundheitsfonds, einer neuen Steuer oder einem weiteren Solidarzuschlag, vielleicht auch Ausgleichszahlungen der privaten Krankenkassen an die gesetzlichen. Die Zahl der Vorschläge, wie das Gesundheitswesen zu reformieren sei, ist kaum noch zu übersehen. Bislang ist noch jede neue Idee zerredet worden. Doch obwohl mindestens die CSU darauf drängt, sich mehr Zeit zu lassen, wollen die Spitzen aus Regierung und Fraktionen noch vor der Sommerpause bindende Eckpunkte festlegen.

Es hing also viel daran, was die Akteure am Sonntagabend besprachen. Die wichtigste von ihnen ist Angela Merkel . Die Bundeskanzlerin gilt manchem als zweite Gesundheitsministerin. Seit sie 2003 auf dem Leipziger Parteitag der CDU das Konzept einer Kopfpauschale in der Partei durchsetzte, ist sie Fachfrau. Damals wollte sie, dass die Beiträge für die Gesetzliche Krankenkasse von den Löhnen und Gehältern entkoppelt und durch eine einheitliche Prämie ersetzt werden. Doch die CSU rupfte die Idee. Übrig geblieben ist nun eine kleine Pauschale, die Krankenkassen zusätzlich erheben könnten, wenn der ihnen aus dem geplanten Gesundheitsfonds zugewiesene Satz nicht ausreicht. Trotzdem lässt Merkel nicht nach, auf grundlegende Veränderungen zu drängen. Ihr Argument: Es sei moralisch nicht vertretbar, künftigen Generationen nur Schulden zu hinterlassen. Deshalb warnt sie schon mal, auch Krankenhäuser könnten im Zuge der Reform geschlossen werden, und hält ihren Kritikern entgegen: "Man kann nicht verlangen, dass alles sich ändert und niemand etwas merkt." Dennoch muss sie mit dem Vorwurf leben, zu zaghaft zu agieren. Denn klare Vorgaben, wohin die Reise denn nun gehen soll, waren von der Kanzlerin bislang nicht zu hören.

Ulla Schmidt von der SPD geht ebenfalls leise vor, dafür jedoch effizienter. Die streitbare Gesundheitsministerin, die die Union und wohl auch mancher Sozialdemokrat zu Beginn der Gespräche am liebsten ins Abseits drängen wollte, ist zum Konterpart der Kanzlerin geworden. Schmidt gilt als Pragmatikerin - "hinreichend prinzipienlos", wie es ein Parteifreund beschreibt - und hat es in den vergangenen Wochen geschickt verstanden, sich von dem sozialdemokratischen Dogma der Bürgerversicherung abzusetzen und auf einen Kompromiss mit der Union zuzusteuern. Der könnte eben "Gesundheitsfonds" heißen und böte jeder Seite etwas: Die Krankenkassenbeiträge hingen weiter vom Einkommen ab, gleichzeitig müssten die Versicherten aber zusätzliche Prämien zahlen. Geschickt überließ Schmidt es dem Unionsfraktionsvorsitzenden Volker Kauder , das Modell in die Öffentlichkeit zu tragen . So hämmerten die Kritiker auf ihn ein, und die Gesundheitsministerin blieb unbeschadet.

Karl Lauterbach hingegen scheint Spaß daran zu haben, Ärger auf sich zu ziehen. Der Gesundheitsökonom und SPD-Abgeordnete, zu rot-grünen Regierungszeiten der engste Berater Schmidts, heute aber bei den Koalitionsgesprächen nicht zugelassen, erschreckt seine Partei wie die Öffentlichkeit immer wieder mit düsteren Prognosen. Gemeinsam mit der Parteilinken Andrea Nahles hat Lauterbach das Konzept der Bürgerversicherung entwickelt. Er ließ auch nicht nach, für sein Modell einzutreten, als längst klar war, dass es gegen die Union niemals durchzusetzen ist. Trotzdem kann Lauterbach immer noch enormen Einfluss entwickeln. Er ist einer der fundiertesten Fachleute auf seinem Gebiet und ein steter Verteidiger des Solidarprinzips.

Zuletzt gelang es ihm, seinen Parteivorsitzenden Kurt Beck davon zu überzeugen, dass man die Abgaben an die Krankenkassen durch Steuerzuschüsse um drei Prozentpunkte senken könne. Daraus entstand der SPD-Vorschlag, 30 bis 45 Milliarden Euro aus Steuergeldern in das Gesundheitswesen zu stecken. So könnten das drohende Defizit gedeckt und gleichzeitig die Lohnnebenkosten gesenkt werden - was sich wiederum positiv auf den Arbeitsmarkt auswirken soll. Beck setzt sich für diese neue steuerfinanzierte Säule ein, weil sie seiner Idee von "mehr Solidarität" am ehesten entspricht. In Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) findet er einen starken Unterstützer. Der will das System schon seit langem richtig umbauen, möglichst nach skandinavischem Vorbild. Eine neue Bundessteuer für Gesundheit , von der die Süddeutsche Zeitung unter Berufung auf SPD-Quellen in dieser Woche berichtete, käme Steinbrück da sehr gelegen. Von diesem Geld müsste er den Ländern nichts abgeben, sein Haushalt bliebe von neuen Ansprüchen unberührt.

Auf Seite der Union muss Wolfgang Zöller neben der Kanzlerin dem Ansturm der sozialdemokratischen Ideen Stand halten. Er ist gesundheitspolitischer Sprecher seiner Fraktion, seit der frühere Gesundheitsminister Horst Seehofer das Amt 2004 im Streit mit dem CSU-Vorsitzenden Edmund Stoiber niederlegte. Zöller, langjähriges CSU-Mitglied, hat in der Runde der Beratenden wohl die schwerste Aufgabe. Er muss mit dem Koalitionspartner verhandeln und die Ergebnisse gleichzeitig zwei Parteien vermitteln, die beileibe nicht immer der gleichen Meinung sind. Dem Fondsmodell stand Zöller, im Gegensatz zu Merkel, Stoiber und Seehofer, weit skeptischer gegenüber. Seine größte Befürchtung ist, das Modell könnte die privaten Kassen schädigen und den Wettbewerb stören, von dem es ihm deutlich zu wenig gibt. Gleichzeitig steht er aber einer teilweisen Steuerfinanzierung nicht so ablehnend gegenüber wie beispielsweise die Ministerpräsidenten von Hessen, Roland Koch , und Nordrhein-Westfalen, Jürgen Rüttgers , die höchstens eine Abgabe für die Versicherung der Kinder akzeptieren wollen. Zum Ärger seiner eigenen Partei hat Zöller sich auch an einem anderen Punkt festgelegt: Am Donnerstag sagte er im Bundestag: "Am Sonntag werden, wie vorgesehen, die Eckpunkte festgelegt."

Wirklich viel erfuhr die Öffentlichkeit nach dem Ende der Koalitionsrunde von deren Ergebnissen nicht. Lediglich einige Rahmenabmachungen wurden bekannt. Für Montag und Dienstag sind Fraktionssitzungen anberaumt, danach will man sich erklären. Dann werden auch jene Lobbyisten über das Konzept herfallen, die stets um die politischen Akteure kreisen und, offen wie verdeckt, versuchen, Einfluss zu nehmen: Ärztevertreter, Krankenkassen, Pharmaindustrie. Direkt betreffen wird eine neue Finanzarchitektur zunächst die Krankenkassen . Deren Vertreter sind gegen den Gesundheitsfonds, sehen darin ein bürokratisches Monster und wollen vor allem, dass ihre Beziehungen zu Krankenhäusern und niedergelassenen Ärzten liberalisiert werden.