Der Präsident der Nationalen Wahlkommission (IFE), Luis Carlos Ugalde, erklärte im mexikanischen Fernsehen, die Differenz in den Prognosen zwischen den beiden führenden Bewerbern sei zum gegenwärtigen Zeitpunkt so knapp, dass sich keine klare Tendenz erkennen lasse. Deshalb würden zur Sicherheit alle Stimmzettel ab Mittwoch in den 300 Wahlbezirken manuell ausgezählt. Dieser Vorgang wird nach Angaben des IFE bis zum kommenden Sonntag dauern, erst dann soll das offizielle Endergebnis feststehen.

Zuvor hatten die beiden Favoriten , der Linkspolitiker Andrés Manuel López Obrador und der konservative Felipe Calderón, den Sieg aufgrund eigener Umfragen jeweils für sich reklamiert. Der amtierende Präsident Vicente Fox appellierte an die Bevölkerung, Ruhe zu bewahren. Er bat die Präsidentschaftskandidaten, die demokratischen Spielregeln zu beachten und auf die offizielle Bekanntgabe des Resultates durch das IFE zu warten.

Bei den ebenfalls am Sonntag abgehaltenen Parlamentswahlen liegt die konservative Partei der Nationalen Aktion (PAN) laut Prognosen der Fernsehsender in Führung. Sie erzielte für ihre Deputierten 35 Prozent der Stimmen, gefolgt von der López-Partei RDP, die 31 Prozent erhielt. Die Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI) von Roberto Madrazo kam auf 22 Prozent der Wählerstimmen. Damit ist sehr wahrscheinlich, dass die Opposition jeweils stark genug sein wird, um die Regierungspolitik zu blockieren - egal, wer am Ende Präsident wird.

Das knappe und noch unentschiedene Resultat der Präsidentschaftswahl hat noch einmal die Schwächen des politischen Systems des Landes verdeutlicht. Die Mexikaner haben - streng genommen - keinen Präsidenten gewählt, indem sie den beiden Favoriten fast gleich viele Stimmen gaben. Ein gutes Drittel der Wähler stimmte für den Wechsel. Aber fast ebenso viele Mexikaner wollen die Fortsetzung des konservativen Kurses, den Präsident Vicente Fox vorgezeichnet hat. Und eine weitere Kraft will weder das eine noch das andere.

Für den südlichen Nachbarn der USA kommt das einer politischen Katastrophe gleich. Denn damit trat genau das ein, was die Mexikaner am meisten befürchteten - eine politische Hängepartie. Eine Stichwahl zur Klärung ist in der Verfassung aber nicht vorgesehen.

"Es ist das erste Mal, dass wir eine solche Unsicherheit haben", sagte der Historiker und Politologe Lorenzo Meyer. Er befürchtet, das Land könne gespalten werden. Im Jahre 2000 war es dem populären Wirtschaftsmanager Vicente Fox mit seiner PAN zum ersten Mal gelungen, die seit 70 Jahren allein herrschende PRI zu besiegen. Die Hoffnungen, die er damals auslöste, waren, wie sich herausstellte, zu groß - und sie wurden enttäuscht: Viele Reformen wurden von der PRI-Mehrheit im Kongress blockiert.