Stieg man zu Robert Gernhardt in sein mal als Aussichtsturm, mal als Sprachlabor dienendes Reich in Frankfurt hinauf, fand man einen, der zwischen den Welten schwebte: Zur Linken die silbern gleißenden Türme der Deutschen Bank, zur Rechten der im Nebeldunst liegende Taunus. Doch glitt der Blick des Besuchers durch den Raum, roch er Pinsel und Farbtöpfe, sah die wie vergessen auf dem Boden liegenden Bücher von Thomas Bernhard oder Walter Benjamin, begegnete ihm eine angenehme, ganz und gar ungezwungene Lässigkeit. Jener Tucholskysche Gesell, der hier hauste und seine Verse schmiedete, war ganz im Hier und Jetzt zu Hause. Da stand der Laptop ebenso selbstverständlich auf dem riesigen Schreibtisch wie die Buntstifte ihre Träume von dicken Männern oder leichtfüßigen Nilpferdchen träumten, die Gernhardt mit ihrer Hilfe zum Leben erweckte.

Gernhardt, Schwergewichtler unter den Spaßmachern der legendären "Neuen Frankfurter Schule", wechselte die künstlerischen Klaviaturen wie Andere ihre Hemden: Drehbuchautor, Cartoonist, Satiriker, Schriftsteller, Lyriker, Selbstdarsteller - der Mann mit dem gutmütigen Gesichtsausdruck und der Gestik eines jungen Bären spielte bis zuletzt höchst erfolgreich in allen Klassen. "Na ja, es geht eigentlich noch weiter, denn obendrein bin ich auch noch ein staatlich ausgebildeter Kunstmaler, der durchaus ernsthafte Bilder malt, also eine Doppelbegabung", kommentierte Gernhardt einmal seine vom Dauerspagat zwischen den künstlerischen Ausdrucksformen geprägte Existenz. "Ich sehe eine Verpflichtung darin, die Medien, die Mitteilungsformen, die Tonfälle, die Blickwinkel und natürlich die Inhalte je nach Bedarf ändern zu können, je unbedingter und unverfrorener, desto besser!"

Gernhardt war so etwas wie die gelungene Symbiose aus Lichtenberg und Lichtenstein; einer, der den Tiefsinn des satirisch-aufklärerischen Aphoristikers mit der jugendlichen Unbekümmertheit eines plakativen Formenspielers zu verquicken wusste. Der Vorwurf, er durchbreche im poetischen Sturzflug bisweilen die Schallmauer des Trivialen, kostete den Vielschreiber nur ein süffisantes Siegerlächeln. Als eine der Lichtgestalten der Satiremagazine Pardon und Titanic wusste Gernhardt um seinen Rang als deutscher Vorzeigelyriker und Satiriker. "Der schiere und schlichte Lustgewinn" trieb ihn an, sowie die Hoffnung, Wirklichkeit könne unter seinen Sätzen "zur Schnirklichkeit" mutieren.

Seine Karriere begann 1966 mit dem Band Die Wahrheit über Arnold Hau. Seither schrieb Gernhardt unermüdlich sowohl Gedichtbände wie auch Erzählungen und Romane. Bis zuletzt verstand er es ebenso glänzend wie spaßhaft, angesichts des  "grassierenden Irrsinns und Tiefsinns via Sprachspiel und Doppelsinn Scheinsinn zu erzeugen". Gernhardt lesen hieß, sich auf einen poetischen Fallensteller einzulassen, der den Aberwitz und das Groteske des Alltags in mit Witz und Pointe getarnte Sprachspiele bannte. Oftmals lagen seinen mit satirischer Grandezza verfassten Texten eine zarte Melancholie zu Grunde. Denn in Gernhardts Brust schlugen zwei Herzen: Hier der lustvoll poetischen Schabernack treibende Kommentator und Chronist seiner Zeit - dort der in die hohe Literatur verliebte Connaisseur.

Die Liste seiner Arbeiten - darunter Bände wie Ich Ich Ich (1982), Lichte Gedichte (1999) oder Hell und Schnell. 555 Gedichte (2005) - liest sich wie das Vermächtnis eines Mannes, der früh begriff, dass der Härte und Unberechenbarkeit des Lebens in letzter Konsequenz nur mit Witz und Ironie zu trotzen ist. Lange als Nonsens-Lyriker abgetan, gelang ihm Anfang der achtziger Jahre der Durchbruch zum "anerkannten Gegenwartsliteraten", wie er es selbst formulierte. Im Alter von 68 Jahren ist Robert Gernhardt am Freitag nach schwerer Krankheit in Frankfurt gestorben .