Ein kleiner Zwischenfall bezeichnet das zerrüttete Verhältnis zwischen Shell und Nigerias Bevölkerung. Eine Handvoll Mitarbeiter des Ölkonzerns war mit der gut gemeinten Absicht in den Ort gekommen, ein ölverseuchtes Feld zu sanieren. Doch eine Horde aufgebrachter, bewaffneter Jugendlicher hinderte sie daran. Die nigerianische Armee musste den Arbeitern den Zugang zu dem Acker freikämpfen.

Wer verstehen will, woher der Hass der Menschen auf Shell und die anderen in Nigeria aktiven Ölkonzerne kommt, muss sich vor Augen führen, wie sehr sich ihr Leben durch die Präsenz dieser Unternehmen verändert hat. "Die Leute in der Region lebten traditionell von Fischfang und Landwirtschaft", sagt der nigerianische Politikwissenschaftler Thomas Imobighe. Doch nun hat ausgelaufenes Öl das Grundwasser verseucht. Viele Menschen haben keinen Zugang mehr zu sauberem Trinkwasser. "Die Leute sind zu Bittstellern erniedrigt worden und von Gaben der Ölkonzerne abhängig, die ihre Umgebung zerstört haben", sagt Imobighe, der das Zentrum für Strategische Studien der nigerianischen Ambrose Alli-Universität leitet.

Der Weltentwicklungsbericht 2005 der Vereinten Nationen weist Nigeria Platz 158 zu. 177 Plätze gibt es. Dabei produziert das Land drei Prozent des weltweit gehandelten Öls. Nur fünf andere Staaten exportieren mehr Öl als Nigeria. Der Widerspruch erklärt sich zum einen damit, dass es außer dem Ölgeschäft im Land keine nennenswerten Wirtschaftsbranchen gibt. Öl- und Gasgewinne machen 95 Prozent der Exporteinnahmen Nigerias aus. Zudem verhindern ethnische Konflikte seit Jahrzehnten jeden Fortschritt im Süden des Landes. Sie werden durch die Millionen verschärft, die als Steuergelder, Entschädigungszahlungen und Entwicklungshilfe ins Land fließen.

Zu diesem Ergebnis kommt jedenfalls eine von Shell in Auftrag gegebene interne Studie, die ZEIT online vorliegt. "Shell ist Teil des Konfliktes im Niger-Delta", heißt es in dem Bericht, den die Beraterfirma WAC Global Services im Dezember 2003 schrieb. Eine von Shell geführte Gesellschaft, an der auch die staatliche Ölgesellschaft Nigerias sowie Total und Agip beteiligt sind, ist in dieser Region mit einem Marktanteil von rund 40 Prozent der größte Ölproduzent. Bis zu 1000 Menschen sterben hier jedes Jahr eines gewaltsamen Todes. Verschiedene Milizen kämpfen um den Zugang zu den Ölquellen. Rebellentruppen wie die "Bewegung für die Emanzipation des Nigerdeltas" (MEND) verüben Sabotageakte auf Pipelines und entführen regelmäßig ausländische Arbeiter. Erst Anfang Juni gerieten wieder sechs Briten, ein US-Amerikaner und ein Kanadier für mehrere Tage in Geiselhaft.

Beobachter werfen den Ölkonzernen vor, sie entzögen sich ihrer Pflicht und betrachteten die fast bürgerkriegsähnlichen Zuständen als externes Problem, das sie nichts angehe. So argumentiert auch der Politologe Imobighe und verweist auf die "soziale Verantwortung" der Unternehmen, die weit über das Schaffen von Arbeitsplätzen hinausgehe. Die allerdings bestreitet Shell keineswegs. Der Konzern finanziert im Niger-Delta den Bau von Schulen und Straßen, bezahlt Anti-HIV-Kampagnen und Umweltprogramme. 24 Millionen Euro weist der Jahresbericht aus, die im vergangenen Jahr in konzerneigene Entwicklungsprojekte flossen, weitere 58 Millionen Euro kamen der Entwicklungskommission des Niger-Deltas zugute.

Wolf-Christian Paes vom Internationalen Konversionszentrum in Bonn hält jedoch nicht viel von diesen Bemühungen. "Das ist Entwicklungshilfe wie vor 25 Jahren", sagt er. Es fehlten die Trägersysteme. "Da werden Schulen gebaut, wo keine Lehrer sind." Oder es werde der Bau einer Straße als Entwicklungsprojekt deklariert, obwohl sie zu einem Werk des Unternehmens führe und von der Bevölkerung gar nicht genutzt werde. "Es gibt eine lange Reihe gescheiterter Projekte", sagt Paes. Ähnliches hat Dennis Tull von der Stiftung für Wissenschaft und Politik in Berlin beobachtet. Und die Shell-eigene Studie kommt zu diesem Ergebnis: "Den meisten Problemen zwischen Konzern und Bevölkerung liegt keine schlechte Strategie zugrunde, aber eine dürftige oder sogar erfolgsverhindernde Umsetzung der Projekte." 75 Prozent der Entwicklungshilfeprojekte seien "erfolgreich", hält Shell dem entgegen.