Wann, wird man sich später fragen, wann ist dieses Turnier für die deutsche Mannschaft eigentlich richtig losgegangen? Am Tag vor dem Eröffnungsspiel sagte Bundestrainer Jürgen Klinsmann: "Wir freuen uns, dass es jetzt endlich losgeht". Am Tag vor dem Achtelfinalspiel gegen die Schweden sagte der Bundestrainer: "Wir wissen, dass jetzt eigentlich das Turnier erst richtig los geht". Und heute, einen Tag vor dem Viertelfinale in Berlin gegen Argentinien, sagt Klinsmann: "Wir sind unter den letzten acht Mannschaften. Mit dem Spiel gegen Argentinien beginnt die wirklich heiße Phase des Turniers".

Auf der üblichen Pressekonferenz am Tag vor dem Spiel wirkte Jürgen Klinsmann heute dann doch etwas angespannter, als in den vergangenen Tagen. Es scheint ihm allmählich klar zu werden, dass die, von Stunde zu Stunde nachhaltig zuwachsende, Rolle seines Teams - jene des mindestens ebenbürtigen Spielpartners, wenn nicht des Favoriten - für das morgige Match durchaus zur Belastung werden könnte. Vor laufenden Mikrofonen wird darüber natürlich kein Wort verloren: "Wir müssen gar nichts tun, damit die gute Stimmung nicht in Überheblichkeit umschlägt", so Klinsmann: "Die Spieler sind sehr fokussiert, aber keiner hebt ab".

Im Mannschaftsquartier wird unterdessen alles dafür getan, dass die Gedanken nicht pausenlos um die Messis, Riquelmes und Crespos kreisen. Gestern war Bogenschießen angesagt. Tim Borowski, so sickerte durch, soll der treffsicherste Schütze gewesen sein. Heute nun gab es ein Tischtennis-Turnier, hier siegten im Doppel Tim Meyer, der Mannschaftsinternist, gemeinsam mit Sebastian Kehl. Endspielpartner war das Außenverteidiger-Duo Philipp Lahm und Arne Friedrich. Klinsmann selbst übt sich unterdessen in Enthaltsamkeit: "Ich versuche unterdessen, die Zahl meiner Espressi in Grenzen zu halten", berichtete der Bundestrainer.

Am Nachmittag folgt dann noch eine wirkliche Trainingseinheit, am Morgen des Spiels dann um 11 Uhr ein Ritual, was Fachleuten unter dem Begriff "Anschwitzen" geläufig ist: leichter Trab, damit der Puls einmal auf Touren kommt und sich die Poren öffnen. Um 15 Uhr, also nur zwei Stunden vor dem Spiel fährt dann der Mannschaftsbus Richtung Stadion.

Soweit zu den Fakten. Wie steht es nun aber wirklich um die Chancen des deutschen Teams, mit einem Sieg gegen Argentinien in die Runde der letzten Vier einzuziehen? Unter normalen Umständen.... - dies ist als Satzbeginn in diesen Tagen total ungeeignet. Denn nichts ist normal, jeder sieht das. Insofern kann, unter diesen keineswegs normalen Umständen, das deutsche Team tatsächlich Argentinien schlagen und ins Halbfinale einziehen. Was muss dafür geschehen? Zwei Spieler, so genannte Leistungsträger, für manche auch die einzigen beiden Weltklassespieler im deutschen Team, diese beiden also sind in den vergangenen vier Spielen nicht sonderlich aufgefallen. Für beide kann diese Diagnose ruhig als Lob verstanden wissen. Es handelt sich um den Torhüter Jens Lehmann und um den Kapitän Michael Ballack, die - nebenbei - in der nächsten Saison beide in englischen Vereinen spielen werden.

Für Lehmann gilt der Leitsatz: solange ein Torhüter nicht auffällt, hat er auch keine Fehler gemacht. Das trifft auf Lehmann mit einer kleinen Einschränkung im bisherigen Tournierverlauf zu. Gegen Argentinien wird diese Regel außer Kraft gesetzt werden, denn er wird auch so genannte Unhaltbare abzuwehren haben. Hier dreht sich die Regel in ihr Gegenteil: ein Torwart, der bei unhaltbaren Bällen nicht auffällt, hat diese nicht parieren können. Dieses geht solange gut, bis die Mannschaft verliert. Folglich wird bei einer Niederlage gegen Argentinien die Frage nach den Unhaltbaren gestellt werden. Und zwar an den Torwart. Insofern wird das Spiel am Freitag auf alle Fälle das Spiel des Jens Lehmann: hält er hinreichend unhaltbare Bälle, dann spricht einiges dafür, dass wir das letzte Kapitel der Diskussion um Oliver Kahn als vermeintlich bessere Nummer 1 zuschlagen können. Hält er die Unhaltbaren nicht, wird man wieder nach dem Titanen rufen, der damals, man erinnert sich dunkel, vor vier Jahren genau jene parieren konnte. Bis auf den einen, im Finale gegen Brasilien.