Gestern ist heute und morgen zugleich. Gestern, das ist der 17. Juni, der dritte Juli und der neunte und all die WM-Tage zusammen. Das ist der immer währende Augenblick, mit dem keine Aktualität mithalten kann. 

Was ist heute zu erzählen? Was ist der 3. Juli? Ohne Belang. Gestern aber landeten wir an einem sonnigen Nachmittag vor dem Schlosshotel in der Brahmsstrasse, Berlin Grunewald, von jener Mischung aus Illusionslosigkeit und Erwartung dorthin gespült, die einen zum Ethnologen qualifiziert: Alles sehr interessant hier, mal sehen, was es so gibt. Die Mehrheit von uns war etwa 10 Jahre alt, die Minderheit bestand aus ein paar gestandenen Frauen, die diese Kinder vor etwa zehn Jahren zur Welt gebracht hatten. Gestern also haben wir den kleinen Trip zum Quartier der deutschen Nationalmannschaft unternommen, der bis ans Lebensende andauern wird.

Denn wir haben sie alle 23 getroffen. Sie waren uns nah. Wir haben sie gerufen, und sie sind gekommen. Wir haben ihnen unseren Stift geliehen, sie hatten ja keinen dabei, wir aber. Am Ende haben wir Tschüs gesagt und viel Glück.

Die WM hatte erst vor kurzem begonnen, das Schlosshotel hatte sich noch nicht rumgesprochen, ein paar Leute standen da neugierig und gesprächslustig, ein paar Polizisten, ein paar Sicherheitsleute, alles sehr verständige Menschen, die im Zweifelsfall ein Kind über alle Köpfe nach vorn reichen, feine Leute, gesellschaftlich gesehen von ganz oben bis ganz unten platziert, aber alle einander ähnlich, Ethnologen eben, keine Nur-Ferngucker, keine massenhaften Fan-Meilen-Wesen.

Ein Bus stand da, Kennzeichen B-WM 2006. Auf der Terrasse des Hotels hat ein zuständiger Mensch Socken eingesammelt, eindeutig, und hinter einem offenen Fenster hat jemand eine Bettdecke aufgeschüttelt. Am helllichten Nachmittag, was sollte das heißen? Das Schlosstor ging auf. Ein Mensch kam mit einem Sack Bälle heraus und hat sie in den Bus gestopft. Dann kam er bald erneut zum Bus und hat die Bälle wieder rausgeholt und sie zurück ins Hotel getragen. Das musste was heißen. Die Socken, die Bettdecke, die Bälle. Ein Prospekt vom Hotel tauchte auf, bedeutsam, ein Dokument für die Abteilung besondere Kostbarkeiten, einstecken.

Dann kam – und das war lange bevor er die Elfmeter von Ayala und Cambiasso hielt – Lehmann. Ging über den Hof. Ein Kind hat "Lehmann!" gerufen, und der Mann hat gewunken. "Lehmann hat mir gewunken", hat da selig das Kind gesagt, das sonst durch seinen raffinierten Verstand auffällt. Es hatte nun die Einfältigkeit der geistlich armen Gotteskinder in seinem Blick, denen angeblich das Himmelreich gehört. Wir waren dem Himmelreich in diesem Moment nahe gekommen. Vielleicht mussten wir auch deshalb gar nichts mehr essen und trinken, schlafen schon gar nicht. Wer Stunden über Stunden stehend in der prallen Sommersonne wartet, dass die Spieler, irgendwann, zum Training aufbrechen und vom selben zurückkommen, hat keine Hand frei, um in ein Brötchen zu beißen oder eine Flasche zu halten, die eine Hand hält ja den Stift, die andere den Fußball, die Wegzehrung heißt: "Lehmann hat mir gewunken".

Am Ende hatten gewunken: Frings, Lehmann, Podolski. Um den Stift gebeten: Nowotny. Sich herbeirufen lassen: Schweinsteiger. Den Arm der Kinder berührt: Klinsmann. Die Fußbälle unterschrieben: Ballack, Nowotny, Schweinsteiger, Bierhoff. Gelacht: Lahm, Frings, Klose. Geduld gehabt: Mertesacker. Gehinkt: Metzelder. Faxen gemacht, angeblich: Asamoah.

Vielleicht kurz gelächelt, umstritten: Kahn. Am Ende – das war nach Ablauf eines Nachmittags und eines weiteren Vormittags, den wir vorm Schlosshotel verbrachten, obwohl wir doch den Reichstag und den neuen Hauptbahnhof hatten ansehen wollen, die versunkenen Schätze Alexandrias und den Checkpoint Charlie, an dem wir Großen eines Nachts gestanden hatten, lange bevor die Kinder geboren wurden, als die Mauer aufging. Damals. Geschichte.

Als wir schließlich in den Zug Richtung Hamburg stiegen, sagte eines der Kinder: "In Berlin will ich leben". Dann ist das Kind eingeschlafen, und beim Wecken im Hamburger Hauptbahnhof sagte es nur: "Dieser Hauptbahnhof ist von gestern. Ich möchte zurück nach Berlin." Der dritte Juli? Vor langer Zeit gab es mal einen dritten Juli, da war ich ein Kind, und über diesen Tag schrieb ein bekannter Fußballreporter, der Tag bezeuge "hohe Moral im tiefen Morast". Es war der Tag des Platzregens vor dem Weltmeisterschafts-Spiel der Polen gegen die Deutschen, und selbst Beckenbauer hatte mit dem Ball, der bei der dumpfen Landung im Nassen nur "Plumpf" machte, wenig anstellen können. Das war 1974, die erste WM, die ich im Fernsehen sah und über die ich jede gedruckte Zeile las, die ins Haus kam. Schreiben müsste man können, über so etwas wie das Platzregenspiel schreiben! "Hohe Moral im tiefen Morast", das blieb hängen, nur fand sich keiner, der beraten wollte, ob diese Formulierung geglückt war. Es waren ja die Stunden des Fernsehens, Fernsehen war das Ereignis, damals.

Die Kinder lesen nun jede gedruckte Zeile über das tägliche Geschehen vorm Schlosshotel, die ins Haus kommt. Jede Formulierung wird geprüft und beraten, schreiben müsste man können! Fernsehen? Wir haben ja alles gesehen, mit eigenen Augen, für immer, und zwar augenblicklich.