Italien wollte unbedingt unter die besten vier Mannschaften der Welt. Da glauben sie jetzt zu sein, aber wenn das das Beste ist, was die Welt im Fußball zu bieten hat, dann: buon giorno, Langeweile. Italien hat sich mit Routine ins Halbfinale geschaukelt, soviel Effizienz würde man der römischen Justiz wünschen. Fürchten müssen sich die Deutschen jedenfalls nicht vor den Betonmischern in Blau; Klinsmann & Co. sollen nur den dicken Bohrer nicht vergessen.

Glorios-hanseatisch war der Sonnenuntergang über diesem letzten WM-Spiel in Hamburg. Sogar den Rasen, der nach drei Spielen schon aussah wie die Wüste Gobi, hatte man noch einmal viertelfinalmäßig fein gemacht. Dennoch blieben erstmals Plätze auf den Tribünen frei, vielleicht waren einige deutsche Kartenbesitzer vom Elfmeterschießen zuvor so erschöpft (oder besoffen), dass sie sich das Match der Blondierten gegen die Blasierten sparen wollten. Dabei hatten die sich schon bei einem WM-Vorbereitungsspiel beharkt, als gehe es um den Ehrenpreis der Eisenbieger.

Italiens Trainer Lippi traute sich selbst gegen den WM-Neuling nicht richtig aus dem Busch und bot wieder nur einen Stürmer auf: Luca Toni, den bislang Glücklosen ohne Tor. Am Ende hatte Lippi aber mal wieder alles richtig gemacht: Toni schoss zwei Tore, zumindest die zweite Halbzeit wurde zur Therapiestunde für den Mittelstürmer aus Florenz. Die Ukraine vertraute wieder auf den schnellen Systemfußball, den schon vor Jahrzehnten Waleri Lobanowski praktizierte, der glaubte, aus dem Fußball eine Wissenschaft machen zu können. Das sah mitunter so zackig aus wie weiland eine sowjetische Militärparade, aber vor dem Tor allein auf den lieben Gott oder Andrej Schewtschenko zu hoffen, ist halt zu wenig.

In den Anfangsminuten zeigte die Ukraine zunächst den ausgeprägteren Drang zum Tor, aber schon da wurde das Muster dieser Partie deutlich: Die Osteuropäer mühten sich, gefährlich aber waren allein die Südeuropäer. Schon nach drei Minuten zeigte der Zöpfchenträger Camoranesi, neu im Team und mit viel Willen zur Belebung der lahmen Italianità unterwegs, was echte Torgefährlichkeit ist. Bevor die Ukraine die Begeisterung über ihre eigenen Hackentricks noch verdaut hatte, traf Zambrotta dann zum 1:0, da waren nicht mal fünf Minuten gespielt und die ukrainische Deckung so offen wie der eiserne Vorhang im November 89.

Fortan bewiesen beide Mannschaften Zug zum Tor, vielleicht hatte die Prügel nach den Gurkenpartien zuvor ja beiden zu denken gegeben. Nach zehn Minuten jedenfalls war die Stimmung im Stadion und auf dem Platz besser als bei Italien - Tschechien im ganzen Spiel, von Ukraine gegen Schweiz ganz zu schweigen. Da verzieh das Publikum auch gerne, dass die Italiener sich vor Übereifer selbst anschossen und die beiden ukrainischen Stürmer sich gegenseitig die Bälle wegnahmen.

Schon nach 20 Minuten musste Verteidiger Sviderskij Platz machen für Stürmer Vorobey, und Blochins Bewegungen wurden so hektisch, als wollte er sich gleich selbst einwechseln. Nötig hätten sie’s gehabt, denn ab 20 Meter vor dem italienischen Tor waren die Ukrainer so gefährlich wie ein Rudel Seegurken. Die Italiener scheuten sich aber auch nicht, vor diesen furchterregenden Tierchen gleich zwei Viererabwehrketten im (!) eigenen Strafraum aufzuspannen, während vorne Luca Toni alleine durch den Sonnenuntergang stolzierte. Auch Totti konnte das italienische Spiel mal wieder nicht entscheidend vorantreiben; er kann "Sprint" nicht mal buchstabieren, geschweige denn ausführen. Nur ein Paar Hackentricks für die Galerie und die Ewigkeit hatte die Schneckenpost aus Rom wieder auf Lager. Der treue Gattuso verletzte sich gleich zweimal in der ersten halben Stunde, aber beide Male blieb die eilends auf den Platz gebrachte Liege kalt; der Knurrer kannte keinen Schmerz. Dennoch wirkte das Spiel nach der Schlacht der Deutschen gegen Argentinien wie Wattepusten.