ZEIT ONLINE: Wie lassen sich die Aggressionen gegen die Person Ursula von der Leyen und die Widerstände gegen das Elterngeld erklären? Die Gesellschaft debattiert erregt, weil es die Forderung gibt, dass sich beide Partner am ersten Jahr Kinderbetreuung beteiligen sollen.

ULRICH BECK: Das ist eine merkwürdige, geradezu paradoxe Situation. Die Rhetorik der Gleichstellung scheint einerseits durchgesetzt zu sein und wird nicht mehr angezweifelt, auf der anderen Seite wird unter den Geschlechtern verbissen um Minimal-Positionen gekämpft. Selbst die kleinsten Schritte werden mit Getöse abgewehrt. Immer geht gleich das Abendland unter, wo es eigentlich nur um die zusätzliche Möglichkeit geht, dass Väter das tun, was man eigentlich von ihnen erwartet: nämlich ihren Anteil an der Elternschaft auch wahrzunehmen.

ZEIT ONLINE: Ist das wirklich ein neuer Geschlechterkampf, oder ist es eine Debatte von verunsicherten Frauen und Männern untereinander, sowie zwischen Kinderlosen und Eltern?

ULRICH BECK: Das Interessante in der Debatte ist, dass nicht nur unfreiwillig komödiantische Vorstöße der ergrauten Männergeneration, die das hohe Lied der Schwangerschaft sangen, in den großen Medien inszeniert wurden, sondern auch, dass die Frauen sich durchgängig in den Publikationen unterschiedlichster Lager mit einer Art überparteilichem Postfeminismus zu Wort melden - heiter, skeptisch, kritisch und selbstbewusst. Sodass man nicht mehr genau sagen kann, wer Gewinner und Verlierer der Debatte ist. Ein Teil der Schwierigkeiten, die ehemals konservative Flaggschiffe in der Auseinandersetzung haben, liegt daran, dass auch in der Union neuerdings solche gleichsam postfeministischen Positionen vertreten werden, die schwer zu attackieren sind. Das wirkt für alle irritierend – und belebend.

ZEIT ONLINE: Sie haben Anfang der 90er Jahre gesagt, dass die verbale Emanzipation vor allem der Männer weiter ist als ihr tatsächliches Verhalten. Wie erklärt sich, dass sich seitdem nicht viel getan hat?

ULRICH BECK: Die Entwicklung ist kompliziert. Auf der einen Seite ist der Modernisierungsprozess frei nach einem Bild von Max Weber keine Kutsche, aus der man an der nächsten Ecke aussteigen kann, wenn einem die Richtung nicht passt. Gleichheitsansprüche haben eine alltägliche Nervigkeit, die fast auf allen Seiten die Grenze des Erträglichen erreicht hat. Der Streit, wer den Abwasch macht, oder wer bei Mobilitätszwängen zurücksteckt - die vom Arbeitmarkt auf die Partnerschaft übergreifen -, drückt immer wieder dieselbe Frage aus: Wie lässt sich Gleichheit durchsetzen? Wer aus dieser alltäglichen Zwickmühle heraus will, müsste schon ganz schön in diese Tastatur greifen: die Frauen aus dem Arbeitsmarkt verdrängen, vor allem aus der Bildung, am besten gleich das Wahlrecht für Frauen abschaffen.

ZEIT ONLINE: Das Private ist politisch und die Beteiligten merken es nicht?

ULRICH BECK: Es gibt kein historisches Vorbild dafür, wie man Partnerschaft, Liebesbeziehung, Elternschaft, Mobilität des Arbeitsmarktes verwirklichen kann. Das muss auch noch ironisch ausgetragen werden, denn jeder muss aus seiner Sicht Chancen einklagen, die er dem anderen damit abspricht - weil nur durch Verzicht des anderen so etwas wie Partnerschaft und Elternschaft möglich wird. Insbesondere wittern viele meiner Geschlechtsgenossen Morgenluft angesichts der Arbeitsmarktsituation - da die Vorstellung, dass alle im Arbeitsmarkt ihre Existenz sichern können, zu einer Fiktion wird.

ZEIT ONLINE: Weshalb findet Frank Schirrmacher mit seinem Buch Minimum als Angehöriger dieser Gruppe so viel Gehör?