Man macht sich keine Vorstellung davon, was seit 1979 jedes Jahr im Juli in Kopenhagen los ist. Zehn Tage und Nächte lang kann man sich nicht durch die Stadt bewegen, ohne mindestens einem Saxofonisten zu begegnen oder diverse verminderte Akkorde zu hören. Das Copenhagen Jazz Festival beherrscht die Straßen. Dänische Musiker und aus aller Welt angereiste Kollegen geben innerhalb von anderthalb Wochen 850 Konzerte: auf öffentlichen Plätzen, in Parks, in Museen, in der Königlichen Oper, im Tivoli, in Clubs, in Plattenläden oder gar in Antiquariaten. Damit dürfte der dänische Jazzmarathon, der am 7. Juli mit einem bereits ausverkauften Auftritt von Herbie Hancock und seinem Quintett beginnt, eines der weltweit größten Festivals für improvisierte Musik sein. 850 Konzerte erwarten die Besucher in Kopenhagen BILD

Die Organisatoren wollen sich da nicht so genau festlegen: Möglicherweise gebe es in Amerika ja noch Imposanteres, vermutet Signe Lopdrup vom Copenhagen Jazz Festival. Das Verhältnis zwischen Einwohnerzahl und Konzertgängern ist allerdings schwerlich zu schlagen. 500.000 Menschen leben in Kopenhagen, 240.000 Besucher verzeichnete das Festival im vergangenen Jahr.

Dabei setzt man keineswegs auf leicht verdaulichen Fußgängerzonen-Jazz. Es kann vorkommen, dass auf den Plätzen entlang der stark frequentierten Ladenmeile Strøget tapfer im Geiste der Nach-Coltrane-Ära experimentiert wird. Die Dänen lassen dann nicht etwa verschreckt ihre Einkaufstüten fallen, sondern setzen sich entspannt mit einem Kaltgetränk vor die Freiluftbühnen, um interessiert zuzuhören – der Autor hat es selbst erlebt.

Wie schafft man es, so viele Menschen für die improvisierte Musik zu gewinnen? „Ganz einfach“, meint Signe Lopdrup, „man braucht nur den Sommer und kostenlose Konzerte.“ Das gute Wetter ist in der Tat ein Pluspunkt, statistisch gesehen hat Kopenhagen im Juli nämlich mehr Sonnenstunden als München. Was den freien Eintritt angeht – das stimmt nur bedingt. Für einige Konzerte internationaler Größen muss man schon zahlen. Zwischen umgerechnet 25 und 55 Euro kostet der Eintritt dann.

In diesem Jahr spielen Dianne Reeves, Bill Frisell , Brad Mehldau , Sergio Mendes und Salif Keita . Pat Metheny , Dee Dee Bridgewater und Jamie Cullum treten auf der Open-Air-Bühne im Tivoli auf. Dort muss man nur den Eintrittspreis für Europas ältesten Vergnügungspark entrichten, um die 7 Euro. Eine brauchbare Option für kurzentschlossene Touristen.

Und überhaupt müssen es ja nicht immer die bekannten Namen sein. Auf acht von zehn Konzerten spielen Dänen. Man kann also auch auf musikalische Entdeckungsreise gehen. Und bleibt dann möglicherweise beim dänischen Orgeltrio Ibrahim Electric hängen. Oder verliebt sich in den spröden Charme der Sängerin Cæcilie Norby.

Kopenhagen war immer ein guter Ort für den Jazz. Stan Getz hat hier längere Zeit gelebt, Dexter Gordon sogar 14 Jahre. Prominente Jazz-Kopenhagener der Gegenwart sind der Schlagzeuger Ed Thigpen und der Pianist Horace Parlan. Was macht diese Stadt so attraktiv für Freunde und Exponenten der improvisierten Musik? Die Toleranz, Weltoffenheit und Freundlichkeit ihrer Bewohner, könnte man  vermuten. Der Bassist Bo Stief, der im Mai bei einer Miniausgabe des Copenhagen Jazz Festival in Berlin auftrat, meint den wahren Grund zu kennen: „Hier gibt es blonde Mädchen!“

Das Copenhagen Jazz Festival läuft vom 7. bis zum 16. Juli. Weitere Informationen zum Programm gibt es auf  http://www.jazzfestival.dk/