Rudi Carrell hat einmal beschrieben, wie er am Sterbebett seines dämmernden Vaters saß und der sich plötzlich ein wenig aufrichtete und ihn fragte: "Was tust du hier? Deine Show fängt doch gleich an." Und dann habe der Vater ein letztes Mal versucht seinem Sohn einen Witz zu erzählen. Doch der Tod sei schneller als die Pointe gewesen.

So hat Carrell das geschildert, so wollte er das, in seinem autobiographischen Buch "Gib mir mein Fahrrad wieder", erschienen bereits 1979. Der Vater war ebenfalls ein Entertainer, ein kleinerer, dessen professionelle Witze bei keiner Hochzeitsfeier in seinem holländischen Heimatstädtchen Alkmaar fehlten.

Schon mit 15 ging Rudi mit ihm auf Tour. Der Vater als Lehrmeister. Carrell schildert in seinem Buch, wie er einmal mit ihm in einem billigen Hoteldoppelbett lag und wissen wollte, wie ein guter Gag funktioniert. Ob es eine Methode gebe? Ja, antwortete der Vater, man müsse immer zwei Dinge zueinanderbringen, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Kontraste seien die Basis jeden Humors. Und da sie eben im Bett lagen, deutete er hoch zur Zimmerdecke: Wenn da jetzt ein Schild hängen würde, "Betreten verboten". Noch kein Brüller, aber ein Anfang.

Kontraste. Bei seinem letzten großen öffentlichen Auftritt, als ihm vor einigen Monaten in Berlin die Goldene Kamera für sein Lebenswerk überreicht wurde, führte Rudi Carrell dieses Prinzip noch einmal vor. Hier die Schönen und Gesunden, und da er: Todkrank, schwer gezeichnet, mit einer durch die Chemotherapie gebrochenen Fistelstimme. Sorry für meine Stimmbänder, sagte er sinngemäß, aber ein Dieter Bohlen rede schließlich immer so. Die Leute lachten und waren gerührt, alles gleichzeitig.

Ein paar Gags folgten, ein paar Worte des Dankes an sein Publikum. Der Meister nahm Abschied, wie er es wollte. Die Arbeit von Rudi Carrell hat immer leicht ausgesehen, obwohl immer so viel Fleiß und Sorgfalt dahinter gesteckt hatte. Man kann nur ahnen, wieviel Kraft ihm diese letzte leichte Vorstellung gekostet hat.

Geboren wurde er 1934 als Rudolf Wijbrand Kesselaar. Carrell war auch schon der Künstlername seines Vaters. Er brach früh die Schule ab, tingelte als Entertainer von Veranstaltung zu Veranstaltung. Dann kamen erste Erfolge im holländischen Fernsehen, Mitte der Sechziger Jahre begann die Zusammenarbeit mit den deutschen Fernsehanstalten. Seinen schnellen Aufstieg begründete Carrell einmal auf seine Art:"Ich war billiger als die deutschen Kollegen und sprach noch ein wenig schlechter Deutsch als sie. Das mochten sie." In Wahrheit überließ er in seiner Karriere nichts dem Zufall: Vor seinem ersten TV-Auftritt war Carrell monatelang durch Deutschland gereist, er saß in Gaststätten und redete und redete mit den Leuten, "ich wollte fühlen, was ich in Holland schon wusste: dass es auch hier Reiche, Arme, Unternehmer, Arbeiter, Putzfrauen, Taxifahrer und Arbeitslose gibt, und das meine Shows all diese Leute ansprechen müssen. Nur dann geht es. Ich wollte lernen, wie die Deutschen denken."