Der Australier Robbie McEwen (Davitamon) führt seine Konkurrenten an der Nase herum. Egal, welche Mannschaft sich zehn Kilometer vor dem Zielstrich einreiht, um das Tempo zu machen: McEwen braucht nur seinen Anfahrer Gert Steegmans, um den nächsten Etappensieg einzustreichen. An diesem Freitag war wieder solch ein Tag. Er gewann die Etappe von Lisieux nach Vitré über 189 Kilometer. Sehr deprimierend für Boonen (Quickstep), Zabel (Milram) und ihre Mitstreiter.

Am Samstag ist Schluss damit. Dann werden die Karten auf den Tisch gelegt. Das erste Zeitfahren der Tour de France 2006 über 52 Kilometer wird die Anwärter auf den Toursieg abschöpfen. Damit sind nun auch die Tage der Ausreißer erst einmal gezählt, die sich stundenlang gegen den Wind stemmen.

Einmal am Tag bekommt jeder Fahrer der Tour de France ein kleines Geschenk, besser gesagt einen Stoffbeutel mit Essen. Was sich darin im Einzelnen befindet, kann man leider nur sehr selten sehen. Aber man sollte nicht davon ausgehen, dass nur Powerriegel und Elektrolytgemische in den Jutetaschen sind. Das kleine Geschenk beinhaltet manchmal sehr wundersame Dinge.

Erinnern sie sich an den Giro d´ Italia 1998? Ich tue es, aber nicht nur, weil Marco Pantani alles in Grund und Boden fuhr. Es war ein kleines "Gimmick" in seinem Verpflegungsbeutel, das meine Radsportwelt erschütterte.

Aber von Anfang an: Zwei Menschen, die in ihren Fähigkeiten auf dem Rennrad hätten nicht unterschiedlicher seien können: Marco Pantani und Mario Chipolini, die mit Abstand extrovertiertesten Radsportler der Geschichte. Der eine ein Bergfloh, der andere ein Supersprinter. Wenn sie ein Rennen gemeinsam bestritten, fuhren sie oft Seite an Seite, um einen kleinen Plausch zu halten. Genau wie während dieser denkwürdigen Giro-Etappe, als Pantani seinen Beutel entleerte und alles sorgsam in den Trikottaschen verstaute. Eine Stunde später kramte er ein rundes Stück Aluminium aus dem Jersey. Er fuhr freihändig und öffnete in aller Ruhe die Folie – die Fernsehkameras beobachteten seine Hände. Es war ein Salamibrötchen. Der mit Abstand beste Bergfahrer der Welt aß während seines Triumphes Salami. Im gleichen Jahr gewann er auch die Tour de France.

Da wankte die Welt der Ernährungspläne, der Körnerdoper und der Rohkostjunkies. Hatte diese Wurst einen positiven Effekt auf die roten Blutkörperchen?

Vielleicht hätte Pantani es so formuliert: "Wenn ein Pantani drei Wochen lang die Berge der Alpen bezwingen muss, schöpft er Kraft aus dem Salamibrötchen". Der italienische Kletterer sprach immer in der dritten Person von sich, wenn er Pressekonferenzen gab. So grenzte er sich von den trockenen Tiefstaplern Ullrich oder Armstrong ab. Leider gibt es solch einen Fahrer zur Zeit nicht. Pantani starb in einem Hotelzimmer im Drogenrausch – wie es sich für einen Rockstar gehört.

Heute sehen wir Tom Boonen - der Popstar unter den Radfahrern, ein Teenieschwarm. Aber mehr ist eben nicht drin. Ein sehr guter Rennfahrer, Marke Boygroup, aber ohne Ecken und Kanten. Ein Lichtblick ist vielleicht Floyd Landis (Phonak). Der ließ sich mit einem Bier in der Hand ablichten. Was für ein Revolutionär.