Hinter unserem Haus liegt ein kleiner Sportplatz. So ein Ascheplatz mit rotem Schotter, nicht besonders gepflegt, an den Ecken wuchert das Gras, die beiden Tore sind eher klapprig, ein Netz haben sie auch nicht. Immerhin gibt es eine Lichtanlage. Im Winter, wenn es früh dunkel wird, taucht sie das Feld in bemühtes Licht, aber nur bis neun, dann ist auch dieses Spiel aus, ohne Abpfiff. Einen Schiedsrichter habe ich auf meinem Platz noch nie gesehen.

Aber Fußball. Seit ich hier wohne, im fünfeinhalbten Stock, rollt auf meinem Platz der Ball. Wann immer ich abends nach Hause komme und aus meinem winzigen Küchenfenster runterschaue, stehen, rennen und kicken sie: die Jungen wie die Alten, manche mit Bierbauch, manche richtig sportlich, sie tragen die köstlichsten Verkleidungen dabei, mit Ringelsocken und abgerockerten T-Shirts. Komplette Mannschaften kriegen sie selten zusammen, aber das ist genauso wurscht wie das Wetter. Irgendwann im Januar gab es diesen fiesen Eisregen, nass und scharf und unfassbar kalt. Die Jungs (korrekt: Männer zwischen 15 und 45 Jahren) waren trotzdem da, sie spielten und kämpften. Viele von ihnen hatten kurze Hosen an. Ich war voller Bewunderung für diese Hingabe.

Am letzten Tag dieser WM war der erste Mann irgendwann morgens auf dem Platz. Der Ball knallte scheppernd gegen den Pfosten, nochmal und nochmal, Tore schießen muss man üben. Das Scheppern ist längst ein vertrautes Sonntagmorgengeräusch, aber an diesem Tag - und erst recht im Nachhinein! - war es vor allem eines: ungemein tröstlich. Nach vier Wochen Ausnahmezustand, einem Monat voller Jubel und Überraschung, der Geburt einer neuen nationalen Gefühligkeit und einem fabelhaften Auftritt unserer Mannschaft blieb jetzt nur noch das WM-Finale - ohne deutsche Beteiligung.

Es war nicht ganz dasselbe, aber gefreut hab ich mich doch. Lieber Frankreich als Italien als Weltmeister, Zidanes wegen, dem größten - und schönsten - Fußballer unserer Zeit . Und natürlich wegen Alain, unserem französischen Kollegen. Ich war mir allerdings auch der Tatsache bewusst, dass es ein grausames Spiel werden würde, Betonfußball auf beiden Seiten, Frankreich wieder nur mit einer Spitze, die Italiener machtlos gegen Thurams Mauer um den alten Barthez. Irgendeiner würde aber ein Tor schießen, hoffentlich Henry. Ein Elfmeterschießen konnte ich mir gar nicht vorstellen.

Es wurde dann ein grausames Spiel, jawohl, aber ganz ohne Beton, voller Schmerz und Wahnsinn, am Ende. Neben dem Halbfinale der Deutschen war es die bestürzendste Partie dieser WM. Die Italiener stolperten durch die zweite Halbzeit, ebenso durch die gesamte Verlängerung, blieben völlig hinter ihren Möglichkeiten zurück. Kein Wille zum Titelgewinn erkennbar, bene. Frankreich hatte es in der Hand, dominierte - alles andere als ein Sieg der Blauen wurde zunehmend undenkbar. Aber dann diese Szene: Zidane stößt Materazzi zu Boden, der irgendwas gesagt hatte, irgendwas Beleidigendes. Zu entschuldigen ist damit Zizous Kopfstoß trotzdem nicht. Verdammt.

Ab da fiel alles auseinander, das Ende ist bekannt. Tanzende Italiener in Unterhosen, die sich gar nicht beherrschen konnten und die Trophäe ableckten und begrapschten, noch bevor sie sie überreicht bekamen. Ich mag Italien und bin seit frühester Kindheit sehr oft dort gewesen, zweimal im Jahr, aber wenn es um Fußball geht, geben die Italiener ihren Verstand und ihre Freundlichkeit bei Mamma ab. 1982 trugen sie Särge durch ihre Straßen, auf denen die deutsche Fahne und " morte germania " gepinnt war - wir fühlten uns sehr zu Gast bei Freunden und waren erleichtert, als die Deutschen im Finale verloren.