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Sardinien ist kein besonders grünes Eiland, aber eine Blume schafft es trotzdem auf fast jede Postkarte: Carpobrotus Acinaciformis , von den Einheimischen auch Garibaldi-Rose genannt. Sie erinnert ein bisschen an Löwenzahn, ist aber karminrot statt gelb - bringt also ordentlich Farbe auf die Felsen. Tatsächlich aber hat das Blümchen überhaupt nichts auf der italienischen Insel verloren, im Gegenteil: Carpobrotus gehört eigentlich nach Südafrika und wäre auch besser dort geblieben. Denn der kleinen Pflanze ist es zu verdanken, dass andere, heimische Arten auf Sardinien kurz vor der Ausrottung stehen.

Mit dem unspektakulären Kraut hat es sich so verhalten wie mit den berühmten Kaninchen in Australien, asiatischen Käfern in den USA und dem Grauhörnchen in Italien: Die ortsfremde Spezies kam - absichtlich importiert oder als blinder Passagier-, breitete sich aus und radierte andere Arten von der Landkarte. Bioinvasion nennen Wissenschaftler diesen Prozess, und er ist auch kein neues Phänomen. Die Folgen allerdings werden erst durch die jüngere Forschung greifbar.

"Die Bioinvasion hat neben Klimawandel und anderen Faktoren heute bereits den viertgrößten Anteil am Artensterben", sagt Stefan Klotz vom Zentrum für Umweltforschung in Halle. Allein unter den Holzpflanzen seien in Deutschland mehr als 3000 invasiv. Zwar schafft es immer nur ein kleiner Teil der Eindringlinge, sich erst zu etablieren und dann so wohl zu fühlen, dass andere Bewohner aus ihrer Nische gedrängt werden, aber diese wenigen Invasoren können bereits viel Schaden anrichten. Weil sie oft gar nicht auffallen oder zu spät entdeckt werden.

Nehmen wir Tschechien: Weit mehr als Tausend Quadratkilometer Land fallen jährlich einer einzigen Pflanze zum Opfer. Der Riesen-Bärenklau überwuchert ganze Landstriche und wird das in Zukunft wohl noch schneller tun: Er produziert reichlich Samen, und der geht zu mehr als zwei Dritteln auf. Ein anderes Gras, diesmal aus dem Mittelmeerraum, hat nach Aussage des Invasionsfachmanns Petr Pysek von der tschechischen Akademie der Wissenschaft in Honice in den vergangenen Jahren sogar 500.000 Quadratkilometer von Kalifornien besetzt. Die Feuergefahr in den trockenen Gebieten sei seither um ein Vielfaches gestiegen.

Und damit kommt man rasch zu einer Art, die uns selbst besonders am Herzen liegt: Der Mensch ist ebenfalls durch Bioinvasoren gefährdet, und das mitunter sogar direkt. Manche Gräser aus fernen Ländern können lebensbedrohliche Allergien auslösen. Und die asiatische Tigermücke hat als blinder Flugzeugpassagier bereits 70 Fälle von Malaria auf europäischen Flughäfen hervorgerufen - keines der zweibeinigen Opfer hatte je selbst einen Fuß in ein Malariagebiet gesetzt. In anderen Fällen reisten die Malariamücken mit alten Autoreifen nach Europa, berichtet der Schweizer Zoologe Wolfang Nentwig von der Universität in Bern.

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Jetzt sollten wohl spätestens die Alarmglocken läuten - doch den Eindringlingen in einer globalisierten Welt etwas entgegenzusetzen, ist schwer. Die Bioinvasionsexperten in Italien zum Beispiel hatten rasch einen Plan aufgestellt, die Grauhörnchenplage zu ersticken und heimische Hörnchenarten auf diese Weise zu retten. Doch ausgerechnet Tierschützer schafften es, das Vorhaben zu durchkreuzen - es leuchtete ihnen nicht ein, dass Tiere zum Schutz anderer Arten sterben mussten. Sie gingen vor Gericht, und die Experten mussten zurückstecken. Das Grauhörnchen hat sich inzwischen über die italienische Grenze hinweg nach Norden ausgebreitet.

"Gerade Fälle wie die des Grauhörnchens dürfen sich nicht wiederholen", sagt Nentwig. Zum einen müsse sich dazu die rechtliche Grundlage ändern, und zwar auf europäischer Ebene. Zum anderen könne man viel Unheil verhindern, wenn man rigorose Kontrollen - zum Beispiel an Häfen und Flughäfen - einführen würde. Vor allem aber müssten die Menschen besser über diese Bedrohung informiert werden, damit sie sich entsprechend verhalten können - und keine Pflanzen oder Tiere, Lebensmittel oder Naturprodukte aus fremden Ländern mit nach Hause bringen.

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