Alles begann 1952, als Fausto Coppi das erste Mal eine Etappe hoch zum Berg der Hotelbunker gewann. Aber damit war der Grundstein für den vielleicht berühmtesten Anstieg der Tour-Geschichte noch lange nicht gelegt. Erst 1976 führte zum zweiten Mal eine Etappe diesen denkwürdigen Alpenriesen hinauf. Auch diesmal siegte ein ganz Großer des Radsports – Joop Zoetemelk, der erfolgreichste niederländische Rennfahrer. Seitdem der hagere Holländer den Berg hinaufstürmte, haben seine Landsleute den Anstieg, zumindest während der Tour de France, in Beschlag genommen. Wie in den Pyrenäen, wo die Basken orange verkleidet ihre „nationalen Aushängeschilder“ – die Profis vom Euskatel-Team – den Berg hochpeitschen, machen es ihnen die Holländer farblich und brüllend gleich.

Acht Mal waren die Holländer bis jetzt erfolgreich die 21 Kehren hochgestürmt. Acht Mal haben sie sich damit unsterblich gemacht. Der Letzte von ihnen war Gert-Jan Theunisse, der mit seinen über 40 Jahren immer noch im Radsport mitmischt, besonders im Mountainbike-Sport. Den Glanz vergangener Taten wird er wohl nie verlieren, nicht einmal, wenn Doping eine Rolle spielte.

L’Alpe d’Huez produziert Helden. Egal welcher Name eines Siegers genannt wird, jeder kennt ihn und jedes Mal ist dieser Sieg mit Dramatik verbunden. Selbst in den letzten zehn Jahren, in denen L’Alpe d’Huez fünf Mal erfahren wurde. 1997 siegte der Italiener Marco Pantani in seinem Comeback-Jahr, und das in Rekordzeit von 37:35 Minuten. Im Ziel ballte er wieder die Fäuste zusammen, mit denen er sich, den Anstieg hoch, durch die Zuschauermengen prügelte. Über dem Zielstrich brüllte er vor Erleichterung. Selbst seine Segelohren wackelten dabei mit. Zwei Jahre später war es ein weiterer Italiener, Guiseppe Guerini. Ein Sieg, der fast im engen Zuschauerspalier hängen blieb – der schmale Italiener war zimperlicher als Pantani und vermied den „Faustkampf“ bergauf. Guerini war kurz vor seinem Erfolg von einem Fan umgerissen. Beide kamen zu Fall. Guerini schaffte es dennoch, die Etappe zu gewinnen. Das Foto, das der gestürzte Fan machte, verkaufte er teuer an die Presse. Nur war leider nicht viel darauf zu erkennen.

Die letzten Jahren von L’Alpe d’Huez lief nur noch die „Lance-Armstrong-Show“, auch wenn ihm Iban Mayo einmal den Erfolg 2003 abnahm. Es war vielleicht die spannendste Etappe hinauf zu den Hotelbunkern, als Armstrong von Alexander Vinokurov, Tyler Hamiloton, Joseba Beloki und eben Iban Mayo in die Zange genommen wurde. Genau an diesem Tag schien der „Tourminator“ das erste Mal verwundbar zu sein. Damit war der Startschuss für die spannendste Tour in der Armstrong-Ära gegeben. Der Ausgang ist bekannt. 2004 ging es das letzte Mal hinauf, diesmal sogar als Bergzeitfahrer. Der Sieger: Armstrong, der aber nicht die Zeit von Pantani unterbieten konnte. Der verstorbene Kletterkünstler hätte sich dann wahrlich noch im Grabe umgedreht – dass die beiden sich spinnefeind waren, ist noch untertrieben.

Aber ganz nüchtern betrachtet ist L’Alpe d’Huez nur deshalb so spannend, weil es immer ein Schlussanstieg ist. Oben ist einfach Ende, L’Alpe d’Huez ist eine Einbahnstraße. Und selbst der gefuchsten Tourdirektion würde es nicht in den Sinn kommen, den Anstieg auf der gleichen Straße herunterzufahren. Dramatik wie sie kaum berechenbarer sein könnte, aber dennoch schön.

Morgen wird sich wieder ein Rennfahrer unvergesslich in die Tour-Geschichte einradeln. Vielleicht Floyd Landis, Levi Leipheimer, Dennis Menchov oder Andreas Klöden. Der Kampf ums Maillot Jaune hat hier einen seiner Höhepunkte. Und vielleicht sehen wir auch schon den Gesamtsieger auf dem Podest stehen.