Ein Wochenende lang haben die Medien Zeit gehabt, sich über den Fall Norbert Röttgen ausgiebig Gedanken zu machen. Freitagabend, kurz nach dem Redaktionsschluss vieler Blätter, gab der CDU-Abgeordnete bekannt, er werde nicht als Hauptgeschäftsführer zum BDI wechseln. Zuvor hatte er tagelang unter Beschuss gestanden, nachdem die Ex-BDI-Präsidenten Hans-Olf Henkel und Michael Rogowski öffentlich den Interessenkonflikt kritisiert hatten, der durch Röttgens Doppelrolle in Verband und Politik entstehen würde. Nun hat Röttgen sich entschieden: für seinen Posten als Parlamentarischer Geschäftsführer der Union.

Den Kommentaren vom Montag hat die Nachdenkpause nicht geschadet, die Schlussfolgerungen fallen gleichwohl ganz verschieden aus. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung jubelt von einem "Abgang mit Maß und hoch erhobenen Hauptes". Der Schaden liege beim BDI, denn Röttgen sei nur schwer zu ersetzen. Ein anderer wird dafür aufs Korn genommen: Jürgen Thumann, der Präsident des BDI. In der Äußerung Henkels/Rogowskis sieht nicht nur die Frankfurter Allgemeine Zeitung eine Kabale. Das Ziel der beiden mutmaßlichen Intriganten: Thumann zu desavouieren; er gelte den beiden Altpräsidenten als zu weich im Umgang mit der Kanzlerin.

Der Spiegel schlägt mit seinem Bericht "Bund deutscher Intriganten" in die gleiche Kerbe. In "einem der elitärsten Industriellenzirkel der Republik wird neuerdings gestritten wie in einem Kegelverein". Der Süddeutschen Zeitung erscheint der Verband wie ein "Tollhaus". In  Röttgen sieht sie gleichwohl keinen "aufrechten Gewinner", vielmehr hafte ihm nun das Image eines "Umfallers" an. Und weil man gerade mal dabei ist, fordert das Blatt auch gleich noch eine Zusammenlegung von BDI und Arbeitgeberverband BDA – "frei nach dem Motto: lieber ein Sieger als zwei Verlierer".

Denn der Fall Röttgen wirft auch ein unangenehmes Licht auf den BDA: Reinhard Göhner, Unionsabgeordneter und gleichzeitig Hauptgeschäftsführer des Verbandes, übt genau jene Doppelfunktion aus, die man Röttgen nicht zugestehen wollte. Schon kommt die Kritik, nicht nur aus den Medien, auch Henkel bleibt seiner Linie treu, indem er Göhners Rücktritt und die grundsätzliche Trennung von Mandaten und Funktionsträgern fordert.

Die Medien greifen auch diese Debatte in ihren Kommentaren auf. So fordert die tageszeitung Göhners politischen Rücktritt. Auch die Berliner Zeitung erregt sich über den BDA-Hauptgeschäftsführer: Selbst Röttgens Verzicht auf seinen Verbandsjob lasse Göhner kalt. Er wisse genau, "welchen Profit die Union bisher - ganz bewusst - aus seiner Doppelrolle zog: Als BDA-Hauptgeschäftsführer ist Göhner nicht nur eine feste Größe auf dem Feld der Tarifpolitik, nein, sein starker Arm reicht auch weit hinein in die Bundesagentur für Arbeit, wo sein Vertrauter und BDA-Mitgeschäftsführer Peter Clever im Verwaltungsrat sitzt."

Die Märkische Allgemeine nimmt die Gegenposition ein: Von einer Wählertäuschung könne keine Rede sein, schließlich war Göhner bereits Unternehmer und Verbandsfunktionär, als er sich um ein Mandat bewarb. Die Zeitung wirft dagegen die Frage auf, ob "das porentief reine Parlament nicht eine Utopie ist".

Die Kölner Rundschau argumentiert in eine ähnliche Richtung: Schließlich gebe es auch Politiker, die mit einer Doppelrolle verantwortungsvoll umgehen könnten. "Der Fächer entfernt sich von der Vielfalt im Volke, die es zu repräsentieren gilt. Sind etwa frühere Angehörige des Öffentlichen Dienstes charakterfester und interessenfreier?" Und schlussfolgernd: "Ein Parlament aus Politikern ohne anderen Beruf ist genau das, was es für seine Bodenhaftung nicht braucht."

Die Debatte darum, was Abgeordnete neben ihrem Mandat tun dürfen und was nicht, ist mit Röttgens Rückzug jedenfalls nicht am Ende. Im Gegenteil. Sie wurde gerade erst neu eröffnet.