Von Kokospalmen fallen und sich den Kopf stoßen – die Rolling Stones und ihr unkaputtbarer Gitarrist Keith Richards sind Meister der Nebenschauplätze. Ihre Musik könnte ob solcher Ereignisse in Vergessenheit geraten. Passend zur gerade beginnenden Europatournee wird die jüngste Stones-Geschichte noch einmal wiedergekäut: die Fernseh-Dokumentationen aus dem Hause Rolling Stones sind Teil einer geschickten Marketing-Strategie. Ob es tatsächlich die letzte Tour der alten Herren ist? Oder nur das Vorspiel zur Welttournee 2010, wenn die Furchen im Gesicht noch etwas tiefer und die Gitarrenriffs noch etwas abgehangener sind? Es sind Fragen, die sich die Journalisten zwischen Angie und Tumbling Dice gar nicht zu stellen wagen. Der Moment ist alles. Auch in München, wo die "Herren auf dem Rasentraktor" ( SZ ) den Auftakt ihrer Deutschlandtournee begingen. Das Echo der Ereignisse findet sich in SZ , Welt , FR und FAZ .

Karl Bruckmaier beschreibt in der SZ ein anrührendes, ein wenig lächerliches, vor allem aber surreales Konzerterlebnis. "Als gegen Mitte des Konzerts Charlie Watts die discoähnlichen Rhythmen von Miss You klöppelte, wurde sein Schlagzeugthron im Zentrum der erwartungsgemäß riesenhaften Bühne hydraulisch abgekoppelt und in Richtung Bühnenrand geschoben. Das sah aus, als sitze ein älterer Herr, der wild um sich schlägt, auf einem überdimensionierten Rasentraktor, ein Anblick wie aus einem Film von David Lynch ."

Michael Pilz singt in der Welt ein Loblied auf den zweiten Gitarristen Ron Wood. "Glamourösere spielen in nur wenigen Großrockbands."

Rose-Maria Gropp von der FAZ wirft ein Auge auf den Springteufel Mick Jagger. "Zugegeben: Keiner muss sich für einen Anfangsechziger männlichen Geschlechts erwärmen, der sich ein Mikrophon unter den Gürtel klemmt und herumhüpft, als hätte er bei Jane Fonda weiland einen Aerobic-Kurs gemacht. Andererseits: Es gibt keinen einzigen auf der ganzen Welt, der genau das besser macht."

Adam Olschewski hofft in der FR auf ein Ende der lebenslangen Dauertournee. "Was die Rolling Stones uns derzeit an monströser Dramaturgie servieren, darf (bitte zum allerletzten Mal) als Schwanengesang des Stadionrock gelesen werden. Wobei man daran tatsächlich bereits mehrmals in den vergangenen Dekaden dachte. In den fetten achtziger Jahren und in der fettreichen Hälfte der Neunziger aber schien das Konzept noch aufzugehen. Nun, beim Auftakt der Deutschlandtournee im Münchener Olympiastadion, blieben viele Sitzplätze leer. Um den Aufwand zu bezahlen oder lediglich die ewig rollende Wollmilchsau zu versorgen, haben die Preise mittlerweile das Niveau einer Benefizgala erreicht – es sind ja auch Seniorentage ausgerufen … Noch mehr als 70 bis nahezu 200 Euro haben diejenigen bezahlt, die es sich innerhalb des Bühnengerüsts bequem machen durften, einer missratenen Hommage an Frank Gehry oder einem vierstöckigen Verweis auf ein Parkhaus irgendwo, sagen wir mal: in Sindelfingen." Die Musik gerät zur Nebensache. "Jeder Versuch Intimität herzustellen, muss unter diesen Umständen scheitern. Und doch dringen die Stones darauf - mit den Mitteln des Größenwahns natürlich. So fährt nach etwa einem Drittel des Sets, ein Stück der Bühne für vier Songs in die Menschenmasse hinein, dorthin, wo mal der Mittelkreis war. Es sieht hübsch aus und ist doch reine Verzweiflung."

Die besseren Rolling Stones heißen Primal Scream . In den 90ern lieferte die englische Band mit Give In, But Don't Give Up mehr als eine Hommage an Sticky Fingers und Exile On Main St. Zwischendurch entdeckten sie Rave, Techno, Dub und das Konzept einer modernen Rockband. Riot City Blues heißt das aktuelle Album. In der taz unterhält sich Max Dax mit Sänger Bobbie Gillespie über Rock'n'Roll und Mainstream, vor allem aber über Drogen.

Im Interview liest sich das so: "Die Drogenkultur in Großbritannien ist seltsam. Wir leben in einem Schneegestöber. Überall gibt es Kokain. Sogar die Bauarbeiter schnupfen Kokain, wenn sie Häuser bauen. Alle, wirklich alle sind druff. Das halte ich nicht für eine gute Entwicklung. Ich meine, vielleicht bin ich nicht jemand, der gute Ratschläge geben sollte, aber ich denke doch, dass die Engländer es im Moment etwas übertreiben. (…) Schon in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern war die Drogenkultur in England wie ein übergelaufener Sumpf. Ecstasy, Kokain und Heroin waren überall. Meine Freunde und ich haben das alles genommen. Wir haben aber versucht, diesen Drogenerfahrungen einen adäquaten Sound gegenüberzustellen. Einen paranoiden, klaustrophobischen, abgefuckten Sound. Das ist uns, glaube ich, auch gelungen. Insektenfeeling. Schmutzig. Schmierig. Gruselig. Das war bei Primal Scream eine ganz bewusste Herangehensweise. Wir wollten urbane Blues-Platten aufnehmen." Kokain sei heute kein Underground-Phänomen mehr, sondern Mainstream. "Das macht mir Angst", sagt Bobbie Gillespie.