Wunder haben ihren Preis. Aber wie hoch darf der sein, wenn es um Leben und Tod geht? Diese Frage scheinen sich Patienten mit einer bestimmten Form von Blutkrebs künftig wieder stellen zu müssen. Wie amerikanische Ärzte jetzt in Nature Medicine berichten, kann das hochwirksame Leukämiemedikament Glivec auf lange Sicht das Herz schädigen. Die Mediziner untersuchten zehn Patienten, die unter dem Krebsmedikament eine Herzinsuffizienz entwickelten, und konnten später im Labor zeigen, dass Glivec auch bei Mäusen zu einer Rechtsherzinsuffizienz führt und direkt toxisch auf Herzmuskelzellen wirkt. Für die 200.000 Glivec-Patienten bedeutet dies zwar nicht das Ende einer wirksamen Therapie. Aber zumindest dürfte die schlechte Nachricht viele Betroffene verunsichern.

Denn erst vor fünf Jahren hatte Glivec viel Hoffnung geschürt: Bevor der Pharmakonzern Novartis das Medikament 2001 auf den Markt brachte, war die Chronische Myeloische Leukämie (CML) nur schwer zu therapieren. Die Krankheit betrifft bestimmte Stammzellen des Knochenmarks und tritt meist erst im mittleren Lebensalter auf. Chemotherapie und bestimmte Immunhemmstoffe konnten kaum etwas daran ändern, dass nur die Hälfte der Patienten die ersten fünf Jahre nach der Diagnose überlebte - einzige echte Chance auf Rettung blieb die Knochenmarkstransplantation, für die allerdings passende Spender nötig sind. Der Wirkstoff Imatinib - in den USA als Gleevec, in Europa unter dem Namen Glivec vermarktet - änderte dies jedoch grundlegend.

Imatinib hemmt bestimmte Enzyme, so genannte Tyrosinkinasen. Im Fall der Chronischen Myeloischen Leukämie entsteht eine Tyrosinkinase, nachdem sich bestimmte Abschnitte im Erbgut der Zelle falsch miteinander verbinden. Das Enzym, Brc-Abl genannt, führt durch seine übermäßige Aktivität zu einer unkontrollierten Teilung der Zellen und ist damit das Schlüsselelement dieser Krebsart. Die Vermehrung beginnt zunächst schleichend und beschleunigt sich nach wenigen Jahre, bevor das Blut schließlich mit entarteten Zellen überflutet wird - wenn die Teilung nicht rechtzeitig gestoppt wird.

Die ersten Langzeitstudien haben gezeigt, dass nach fünf Jahren Glivecbehandlung bis zu 90 Prozent der Patienten keine Krebszellen mehr im Blut haben - im Gegensatz zu den 50 Prozent, die ohne Therapie innerhalb desselben Zeitraums versterben. Das Medikament erwies sich zudem auch noch als nebenwirkungsarm: Kopfschmerzen und Übelkeit schienen ein geringer Preis für die Lebensrettung. Die Patienten mussten nur täglich ihre Tabletten schlucken. Einziger Dämpfer seit Einführung des erfolgreichen Mittels: Manche Patienten entwickelten gegen die übliche Dosis des Mittels eine Resistenz, die Krankheit kehrte in diesen Fällen zurück.

Die amerikanische Studie aber ist die erste, die eine schädigende und damit lebensbedrohliche Wirkung auf das Herz belegt. Wie häufig und ab wann dieser Effekt auftritt, muss erst noch untersucht werden. Auf keinen Fall sehen die Autoren des Nature -Papers Anlass für die Patienten, die Therapie sofort abzubrechen. Der Nachrichtenagentur Reuters sagte der Leiter der Studie, Thomas Force: "Gleevec ist ein wundervolles Medikament, und die Patienten sollten es unbedingt nehmen." Er und seine Kollegen wollten aber auf die bisher unbekannte Nebenwirkung aufmerksam machen. Die Ärzte müssten sich des Risikos bewusst sein.

Auch Hersteller Novartis ließ verlauten, dass die Arbeit der Amerikaner nichts an dem positiven Nutzen-Risiko-Verhältnis des Medikaments ändere. Zumindest nicht für diese Form der Leukämie. Alle Patienten mit Herzinsuffizienz seien entsprechend behandelt worden. Der neu entdeckte Nebeneffekt von Glivec könnte allerdings an Bedeutung gewinnen, sobald das Medikament für die Therapie weiterer Erkrankungen zugelassen wird. Bereits jetzt wird mit Glivec eine Tumorerkrankung des Magens behandelt, und schon bald soll das Mittel eine Reihe weiterer Krebserkrankungen kurieren.