Handys waren in Klassenzimmern noch nie sonderlich erwünscht. Ihr Klingeln stört, lenkt Schüler vom Fleißigsein ab. SMS-Schreiben schränkt sowohl die Formulierfähigkeit als auch den geistigen Horizont der Jugendlichen ein, finden Kritiker, und es halte die Tipper davon ab, sich mündlich und direkt mit ihrer unmittelbaren Umwelt auseinanderzusetzen. Soweit die - noch eher harmlosen - Vorwürfe vor der Erfindung von Foto- und Video-Handys.

Was ebendiese technischen Errungenschaften nun aber ermöglichen, ist weit schockierender: Nach Razzien in Bayern fanden Beamte im März Porno-, Gewalt- und Sodomievideos auf Mobiltelefonen von Schülern. Das löste im Freistaat derartigen Alarm aus, dass im Landtag nun ein neues Schulgesetz verabschiedet wurde. Die Handys dürfen mit in die Schule, aber nur im Notfall benutzt werden. "Notfall" bedeutet hier: Die Eltern anrufen, wenn es später wird oder früher, oder wegen Krankheit.

Ist dadurch das Problem gelöst? Können die betroffenen Jugendlichen deshalb nicht auch in ihrer Freizeit Gewaltvideos verbreiten? Natürlich können sie das. In einem Punkt hat die bayrische Sozialministerin Christa Stewens (CSU) Recht: "Das gefundene Material ist schlicht menschenverachtend und hochgradig jugendgefährdend." Deshalb ist es lobenswert, dass die Bayern ihre Konsequenzen gezogen haben. Einziges Problem: Gewaltvideos lassen sich nicht dadurch vernichten, dass vorne auf dem Lehrertisch ein Sammellager für die Mobiltelefone eingerichtet wird. Lehrer dürfen jetzt zwar die piepsenden Begleiter der Schüler einziehen, sie aus Datenschutzgründen aber nicht durchsuchen. Das Gesetz behebt mithin zwar ein Problem, aber das falsche.

Das störende Geklingel und Gesimse können Lehrer auch ohne Gesetz unter Kontrolle bringen. Im Unterricht sind Mobiltelefone sowieso auszuschalten. Das neue Gesetz ist also in etwa so, als würde man in einer frisch renovierten Wohnung den Mietern vorschreiben, noch mal die Wände zu streichen. Und außerdem: Wer soll den Schülern auf Schritt und Tritt folgen, um zu überprüfen, dass die Handys auch auf den Toiletten ausgeschaltet sind? Von der praktischen Umsetzung ganz abgesehen, wird das eigentliche Problem der Gewaltverherrlichung nur vors Schultor verlagert. Die Lehrer sind erleichtert, nicht mehr mit Argusaugen auf blinkende Displays achten zu müssen und übergeben die Verantwortung mit dem letzten Klingelzeichen an die Eltern.

Lehrern und Eltern ist aber eines gemeinsam: Wie genau die neuesten Mobiltelefone funktionieren, weiß kein Erwachsener so genau. "Ich bin schon froh, wenn ich mal eine SMS verschicken kann", gibt ein Schulleiter offen zu. Von der kabellosen Bluetooth-Funktion, durch die Datenmengen wie Videosequenzen von Handy zu Handy mühelos überspielt werden können, haben die wenigsten einen Schimmer.

Mit anderen Worten: Die Kontrolle über Porno- und Gewaltvideos auf Handys ist nur zu gewinnen, wenn die Erziehungsberechtigten und Leher Ahnung von der Technik haben und diese so bedienen können, dass die Kids gefährliche Funktionen nicht mehr benutzen können. Eine Art Kindersicherung wie im Internet also. Beratungsstellen und Handbücher für Ahnungslose sind bereits in Planung. Um Gewaltverherrlichung unter Jugendlichen an der Wurzel zu beheben, reicht dies aber mit Sicherheit nicht aus.