Neun Tage nach Beginn der israelischen Angriffe auf Ziele im Libanon steht die Offensive offenkundig vor dem Wendepunkt. Angesichts vieler Todesopfer und der Massenflucht im Libanon verdichtet sich in Israel der Eindruck, es bleibe nicht mehr viel Zeit für weitere Militärschläge gegen die Hisbollah. Trotz des unerbittlichen israelischen Vorgehens erscheint die radikale Miliz nicht erheblich geschwächt: Nordisrael liegt weiter unter ihrem Raketenbeschuss. Viele Israelis sind überzeugt, dass eine Bodenoffensive jetzt unvermeidlich ist, um die Hisbollah (Partei Gottes) zu schlagen.

Auch in Israel wird angesichts der dramatischen libanesischen Fluchtbewegung von etwa einer halben Millionen Menschen und der Bilder der Zerstörung in der Hauptstadt Beirut erstmals Kritik laut. Israel habe einen "strategischen Fehler" begangen, als es die schiitischen Einwohner südlibanesischer Dörfer zur Flucht zwang, schrieb ein Kommentator der israelischen Zeitung Haaretz . "Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Krieg in einen Morast führt", meinte er. Israel habe betont, der Kampf ziele nicht auf libanesische Zivilisten. Die Massenflucht erscheine jedoch als Kollektivbestrafung des libanesischen Volkes. "Dies ist eine Formel zur Verstärkung des Hasses."

Unter dem wachsenden Zeitdruck erscheint die Luftwaffe entschlossener denn je, vor einer Waffenruhe die Führung der Hisbollah zu töten. In der Nacht zum Donnerstag warfen israelische Kampfjets 23 Tonnen Bomben auf eine Einrichtung im Süden Beiruts. Der israelische Geheimdienst hatte mitgeteilt, hier verstecke sich in einem Bunker auch Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah. Hisbollah erklärte jedoch kurz darauf, keines der Führungsmitglieder sei verletzt worden. Israel habe vielmehr eine im Aufbau befindliche Moschee bombardiert.

Der israelische Transportminister Schaul Mofas teilte am Donnerstag mit, Israel habe die militärische Potenz der Hisbollah bislang um 50 Prozent reduziert. Die Raketenangriffe auf Nordisrael dauerten jedoch unvermindert an, etwa eine Million Menschen verbringen dort die meiste Zeit in Schutzräumen.

In Israel wächst die Besorgnis, man könnte gezwungen sein, den Kampf ohne einen entscheidenden Schlag gegen Hisbollah zu beenden. Schon werden Diskussionen über die möglichen Bedingungen einer Waffenruhe und der Zeit nach der Militäroffensive geführt.

Israel ist sehr misstrauisch gegenüber der Idee einer internationalen Truppe im Südlibanon, lehnt sie aber nicht kategorisch ab. Die Erfahrungen mit der 1978 gebildeten Unifil- Beobachtertruppe sind sehr negativ, eine neue internationale Truppe müsste aus israelischer Sicht ein sehr robustes Mandat haben, sonst würde sie nur stören. Israel zieht es vor, dass die reguläre libanesische Armee die Kontrolle im Süden übernimmt, möglicherweise mit internationaler militärischer Unterstützung.

Vor einer solchen Lösung rechneten Kommentatoren jedoch mit einer größeren israelischen Bodenoffensive im Libanon, die über die Einsätze von Bodentruppen im Grenzgebiet in den letzten Tagen hinausgeht. Viele warnen allerdings vor zahlreichen Opfern und erinnern an den blutigen Libanon-Krieg von 1982. Eine Bodenoffensive werde vermutlich Dutzende israelische Soldaten das Leben kosten, schrieb ein Kommentator der israelischen Tageszeitung  Maariv . "Aber sie wird Südlibanon sauberfegen."

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