Eineinhalb Jahre nach seinem Amtsantritt steht BDI-Präsident Jürgen Thumann vor einem politischen Scherbenhaufen. Denn Norbert Röttgen zieht sich zurück. Aber nicht etwa aus dem Bundestag, wie viele forderten. Vielmehr verzichtet er darauf, im kommenden Januar als Hauptgeschäftsführer zum Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) zu wechseln.

Damit hat der BDI jetzt einen angeschlagenen Präsidenten. In der für den BDI wichtigsten Personalentscheidung hat Thumann seine Kritiker (es sind seine Vorgänger Hans-Olaf Henkel und Michael Rogowski ) erst ignoriert und dann ihren Einfluss unterschätzt. Denn letztlich fanden sie so viel Zulauf aus der Industrie und so viel Gehör in den Medien, dass sich der erwählte Hauptgeschäftsführer in spe offenbar schwer beschädigt sah.

Statt den öffentlich erhobenen Forderungen nachzugeben, er solle am 1. Januar 2007 und nicht erst mit Ablauf der Legislaturperiode sein Bundestagsmandat zurückgeben, hat Röttgen nun beschlossen, lieber in der Politik zu bleiben. Denn in seiner Fraktion bleibt er eine starke Figur. Röttgen hatte von vorneherein gesagt, sein Mandat sei ihm wichtiger als die Funktion in irgendeinem Verband. Das wird ihn nun stärken, zumal sich in der Unionsfraktion so leicht niemand finden lässt, der einen besseren parlamentarischen Geschäftsführer abgibt.

Hinter der Debatte um Röttgen steht aber auch ein Streit um die strategische Ausrichtung des BDI. Soll er mit der Großen Koalition und vor allem mit der CDU und Bundeskanzlerin Angela Merkel öffentlich kuscheln? Oder soll er wie in den vorangegangenen Jahren stärker auf Konfrontation setzen? Viel Zeit für eine Antwort und einen personalpolitischen Neuanfang hat der BDI nicht. Denn von heute aus betrachtet geht er geschwächt in die nach der politischen Sommerpause anstehenden Detailverhandlungen um die Unternehmessteuerreform und den Unternehmensübergang im Erbschaftsfall.