Tony Blair mag ein Premier auf Abruf sein. Um eines zumindest braucht er sich nicht zu sorgen. Sein Ruf als außenpolitischer Falke ist seit der Irakinvasion fest etabliert. Seine Kritiker ziehen es allerdings vor, ihn als willfährigen "Pudel" von George W. Bush zu bezeichnen. Im engen Schulterschluss mit Washington trug Blair dazu bei, dass Israel nicht allzu rasch unter internationalen Druck geriet, seine militärischen Operation gegen Hisbollah einzustellen. Um die "humanitäre Katastrophe" im Libanon zu beenden, bedürfe es eines Waffenstillstandes, der "nachhaltig" sei und nicht sofort durchlöchert werde, lautet die Formel, die der Premier von Beginn der militärischen Auseinandersetzung an verwendet hat.

Im Klartext: Solange die Hisbollah, von Syrien und Iran bis an die Zähne aufgerüstet, fähig bleibt, nach Belieben Raketen gegen Israel abzufeuern, ist eine Waffenruhe sinnlos. Angesichts der wachsenden Zahl von zivilen Opfern und des Flüchtlingselends im Libanon fällt es Blair schwer, diesen Kurs überzeugend zu begründen, angesichts einer Öffentlichkeit, die durch die Fernsehbilder von Tod und Flüchtlingsleid im Libanon tagtäglich stärker aufgerüttelt wird und Israels Reaktion als maßlos überzogen empfindet. Das Fernsehen als prägendes Medium produziert vor allem Bilder, die starke Emotionen erzeugen und zugleich Kontext und längerfristige Konsequenzen einer Strategie aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängen können. Selbst wenn die Strategie Sinn machen sollte.

Hisbollah und Hamas sind nicht bereit, das Existenzrecht Israels anzuerkennen - im Gegensatz zu den meisten arabischen Staaten. Solange Hisbollah weite Teile des Libanons kontrolliert und dort als Staat im Staate agiert, kann sich keine stabile Situation herausbilden, weder im Libanon selbst noch in der gesamten Region. Daraus leitet sich zwangsläufig ab, dass Hisbollah (und damit auch Syrien und Iran) aus dem aktuellen Konflikt nicht als Sieger oder auch nur gestärkt hervorgehen dürfen. Hierin sind sich nicht nur Blair und Bush einig. Die europäischen Regierungen haben sich, wenn auch widerstrebend, vorerst der Logik gebeugt. Zur schweigenden Allianz zählen zudem arabische Sunniten – Länder wie Saudi- Arabien, Ägypten, Jordanien und kleinere Golfstaaten, die den schiitischen Halbmond unter Führung der Vormacht Iran fürchten und darauf setzen, dass sie durch Israel im libanesischen Stellvertreterkrieg eines Teils ihrer aktuellen Sorgen entledigt werden.

Doch handelt es sich bei dieser Allianz um kein stabiles Konstrukt. Die EU erklärte bereits demonstrativ, sie habe Israel kein grünes Licht für eine Fortsetzung der militärischen Offensive im Südlibanon gegeben. Selbst Washington fühlte sich bemüßigt, einer entsprechend generösen Interpretation des Romgipfels aus israelischem Ministermunde zu widersprechen. Auch wird in Washington betont, man verschwende keinen Gedanken an eine Ausweitung des Konflikts auf Syrien oder Iran.

Prekärer ist die Lage der arabischen Staaten, die zunächst erstaunlich offen der Hisbollah die Schuld gaben und die Eskalation und die Attacken auf Israel verdammten. Ihr langfristiges Interesse an einer Niederlage oder entscheidenden Schwächung der Hisbollah und damit des Irans besteht fort. Doch müssen diese Staaten der wachsenden Erregung ihrer eigenen Bevölkerungen über die humanitären Folgen der Bombenangriffe auf den Libanon zunehmend Rechnung tragen. Weshalb sich ihre Rhetorik nachhaltig gedreht hat.