Lugi Gisenga war schon beim Wahllokal bevor es hell wurde. "Ich habe vor Aufregung nicht schlafen können", sagte der etwa 60 Jahre alte Kongolese. "Darauf haben wir 40 Jahre gewartet, dass wir endlich frei wählen gehen können." Er hoffe, dass jetzt endlich der Wiederaufbau des Landes beginne. Der frühere Diktator Mobutu Sese Seko hatte sich gelegentlich mit Hilfe roter und grüner Karten im Amt bestätigen lassen. Bei den historischen Wahlen am Sonntag mussten die Wähler zwischen 33 Präsidentschaftskandidaten und mehr als 9000 Bewerbern für das Parlament entscheiden. Kein Wunder, dass die Wahlzettel das Format von Wandkalendern hatten. Für die 280 Bundeswehrsoldaten, die in der Hauptstadt Kinshasa im Rahmen einer EU-Truppe (EUFOR) stationiert sind, verlief der Tag eins überraschend ruhig. "Sie spielen Fußball oder machen Putz- und Flickstunden", sagte EUFOR-Sprecher Peter Fuss. Manche beteten auch im Feldgottesdienst für einen ruhigen Verlauf der Wahl. In den vergangenen Wochen waren sie von der Bevölkerung häufig beschimpft worden, weil sich das Gerücht verbreitet hatte, die Europäer hätten Soldaten geschickt, um Präsident Joseph Kabila zu unterstützen.Kabila, der mit seiner Frau und der kleinen Tochter zur Stimmabgabe ging, hofft auf seine Wiederwahl. Kritiker sehen in dem 35-Jährigen lediglich eine Marionette reicher Geschäftsmänner aus der Rohstoffprovinz Katanga. Bei seiner eigenen Abschlusskundgebung brachte er nur wenige schlichte Sätze auf Französisch heraus und überließ es seinem Einpeitscher, sie in die Landessprache Lingala zu übertragen und die Menschen zum Jubeln zu bringen. Kabila wuchs im ostafrikanischen Tansania im Exil auf und gilt vielen nicht als echter Kongolese.Der weitgehend friedliche Verlauf der Wahlen erfreute sowohl die Wähler als auch die etwa 1200 internationalen Beobachter. Doch möglicherweise komme es nach der Bekanntgabe der Ergebnisse noch zu Gewalt, warnt der Vizedirektor für politische Angelegenheit der UN- Mission im Kongo, Albrecht Conze. "Das Land hat keine demokratische Tradition", sagt Conze. "Ich habe Angst vor der Woche nach den Wahlen, wenn sich schon vor der Bekanntgabe der Ergebnisse mehrere zu Siegern erklären."Isabel Mutombo, eine Anhängerin des aussichtsreichsten Gegenkandidaten Jean-Pierre Bemba, zeigte sich schon nach der Abgabe ihrer Stimme kampfeslustig. "Wenn Kabila gewinnt, dann hat er die Wahl gefälscht", rief sie. "Das werden wir nicht akzeptieren." Die 22-Jährige mit einer komplizierten Zöpfchenfrisur träumt davon, Krankenschwester zu werden, doch im Kongo gibt es kaum Arbeit. "Wenn Bemba gewinnt, wird er uns Arbeitsplätze geben", sagte sie.Manche Wähler waren von dem Ereignis tief bewegt. "Ich bin im Jahr der Unabhängigkeit geboren", sagte die 46 Jahre alte Rose Muderwa. "Ich kenne das Land, als es noch schön und wohlhabend war, und ich habe zugesehen, wie es zerfiel." Jetzt gebe es zum ersten Mal die Chance, dass die Menschen selbst über Regierung entscheiden. "Das ist ein historischer Moment für uns", sagte sie mit Tränen in den Augen.Andrea Böhm berichtet aus Kinshasa in ihrem Weblog