»Kann ich bitte noch die letzten Tage der Agfaphoto Gmbh fotografieren, bevor in euren Dunkelkammern endgültig die Lichter ausgehen?« Als der Fotograf Dirk Räppold im Oktober 2005 von der Insolvenz des Fotoriesen hörte, beschloss er, im Chemiepark Leverkusen Abschiedsbilder zu machen. Analoge. Denn dass der einstige Branchenriese aufgeben musste, hängt ganz direkt mit einer jungen Technik zusammen: der Digitalfotografie. Neu ist sie nicht mehr, doch ihre Wirkung entfaltet sie jetzt erst.

Immer mehr Menschen halten Momente in ihrem Leben mit Digitalkameras fest. Von 1999 bis 2003 hat sich der weltweite Verkauf auf rund 50 Millionen Stück fast verzehnfacht. Die Pixelknipser benötigen keine herkömmliche Filmrolle mehr, die sie vorher in den Apparat friemeln müssen, sondern nur einen kleinen Speicherchip. Genau diese technische Neuerung torpediert die Geschäftsgrundlage der großen Fotokonzerne wie Kodak, Fuji und Agfa, die einst durch den Rollfilmverkauf enorme Gewinne einfuhren.

Ein Überbleibsel der Filmrollenproduktion im Leverkusener Agfaphoto-Werk ist die Kommandozentrale der Begießmaschine für fotografisches Filmmaterial. Sie beherbergt eine Ansammlung von Computern und schwarzen Monitoren. "Alle Geräte sehen zwar gepflegt, aber auch irgendwie alt aus, so wie man das im Fernsehen über die Zentrale von Erich Honeckers Geheimbunker zu sehen bekommt", schildert der Fotograf. Wahrlich, die Anlage ist stumm. Früher kontrollierten hier Mitarbeiter, wie der Trägerfilm beschichtet wurde. Lesekarten für Fotochips besitzen die PCs nicht. Eine so unkomplizierte Umrüstung auf Digitalfotografie wäre auch zu schön.

Der schrumpfende analoge Markt führte zu Konkurrenzkämpfen zwischen den überlebenden Fotoriesen. Anfang 2004 lockten die Anbieter ihre Kunden, indem sie Ware und Dienste sehr günstig anboten. Das hielten aber nur Cewe Color und die Fuji-Tochter Eurocolor durch. Ihre Preise für analoge Bildentwicklungen haben sie wieder angehoben. Die knipswütigen Digicambenutzer druckten bisher nur die gelungensten Fotos mit ihrem heimischen Drucker aus. Genau beim Print digitaler Aufnahmen soll der Boom für die Industrie ansetzen. In der digitalen Welt sind Dumpingpreise wegen der hohen Investitionen in neue Maschinen ausgeschlossen.

Die Hoffnung der großen Fotolabors ruht auf den Frauen: Während bisher technikbegeisterte Männer digital fotografierten, ziehen nun die weiblichen Kunden nach. Die wollen, im Gegensatz zu ihren Männern, Papierbilder im Bekanntenkreis herumzeigen und lassen die Schnappschüsse nicht auf Speicherchips vermodern. Auch die Bilder, die spielerisch mit der Handykamera gemacht werden, werden bunt auf weiß gewünscht. Das bedeutet für die Unternehmen, dass sie eine leicht handhabbare Infrastruktur für ihre Kunden entwickeln müssen: Eingabegeräte in Kiosken, Warenhäusern und im Fachhandel, moderne Laborgeräte. Die Umrüstung ist teuer, aber entscheidend für die Marktposition.

Der Fotograf Räppold liebt es, eine Anekdote zu erzählen: "Die Geschichte soll sich vor 100 Jahren bei der Agfaphoto in Berlin zugetragen haben. Zu dieser Zeit gab es nur panchromatisches Fotomaterial, das von einem kleinen Heer Arbeiterinnen tagaus, tagein bei völliger Dunkelheit verpackt wurde. Später erfand man orthochromatische Emulsionen, die sich unbeschadet bei rotem Dunkelkammerlicht vepacken ließen. Die Frauen, die bei Agfa nun orthochromatisches Fotomateral bei Rotlicht verpacken durften, waren sehr erfreut über diese Verbesserung ihrer Arbeitswelt. Schon im zehnten Monat nach Einführung des Rotlichtes erschien nicht eine von ihnen mehr zum Dienst. Die libidinöse Nebenwirkung der Raumfarbe hatte sie zu Müttern gemacht." Diese Legende war aber wohl nicht der Grund für die plötzliche Pleite des Unternehmens.